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Selbstgespräche zur Stressreduktion bei Neurodivergenz

  • Autorenbild: Vanessa "Janna" Spies
    Vanessa "Janna" Spies
  • 7. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Warum lautes Sprechen das Nervensystem beruhigt


Person spricht ruhig mit sich selbst in einem geschützten Raum als Symbol für Stressreduktion und Selbstregulation bei Neurodivergenz.
Lautes Sprechen kann das Nervensystem beruhigen und innere Überforderung spürbar reduzieren.

Wenn Gedanken im Kopf keinen Platz mehr finden


Es gibt diese Momente, in denen Gedanken keinen Raum mehr haben. Sie stapeln sich. Sie überholen sich gegenseitig. Sie drehen sich im Kreis. Und irgendwann fühlt sich alles gleichzeitig zu viel und zu eng an.


Gerade bei Neurodivergenz, bei ADHS, Autismus oder AuDHS, entsteht Stress oft nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch innere Überlastung. Zu viele Eindrücke. Zu viele Gedanken. Zu viel gleichzeitige Verarbeitung.


In solchen Momenten hilft es mir nicht, noch mehr nachzudenken. Was hilft, ist sprechen.


Nicht analysieren. Nicht lösen. Einfach aussprechen.


Warum Selbstgespräche Stress reduzieren können


Selbstgespräche haben etwas sehr Ursprüngliches.

Lange bevor es Therapiekonzepte oder Selbsthilfetechniken gab, haben Menschen gesprochen, um sich zu orientieren.


Wenn ich laut spreche, verändert sich etwas.

Gedanken verlieren ihre Schärfe. Sie werden langsamer. Greifbarer. Weniger bedrohlich.


Selbstgespräche zur Stressreduktion wirken nicht über den Inhalt der Worte, sondern über den Vorgang selbst. Stimme, Atem und Rhythmus holen das Denken aus dem Kopf zurück in den Körper.



Was dabei im Nervensystem geschieht


Beim Sprechen verändert sich die Atmung ganz automatisch. Sie wird tiefer. Ruhiger. Länger in der Ausatmung.


Das wirkt direkt auf den Vagusnerv, einen zentralen Nerv für Beruhigung und Regulation. Gleichzeitig kann der Cortisolspiegel sinken. Cortisol ist eines der wichtigsten Stresshormone. Wenn es weniger wird, entspannt sich nicht nur der Geist, sondern auch der Körper.


Deshalb werden Selbstgespräche auch in Extremsituationen genutzt. Im Militär. In Isolation. In Situationen, in denen Menschen handlungsfähig bleiben müssen, obwohl alles unter Spannung steht.


Nicht, weil sie sich etwas einreden, sondern weil Sprechen Ordnung schafft.



Selbstgespräche bei Neurodivergenz


Viele neurodivergente Menschen kennen das Gefühl, innerlich keinen Halt zu finden. Gedanken springen. Emotionen wechseln schnell. Reize wirken ungefiltert.


Selbstgespräche helfen mir, mich nicht zu verlieren.

Nicht, weil sie alles klären. Sondern weil sie mich bei mir halten.


Gedanken, die laut ausgesprochen werden, bleiben nicht mehr diffus. Sie bekommen eine Form. Und oft reicht das schon, damit der innere Druck nachlässt.



Warum Diktieren oft leichter ist als Schreiben



Schreiben bleibt für mich oft im Kopf. Diktieren nicht.

Wenn ich spreche, fühlt es sich an wie ein Gespräch. Nicht wie Arbeit. Nicht wie Analyse. Sondern wie etwas Lebendiges.


Gerade in Phasen von Überforderung hilft mir das sehr. Ich spreche alles aus, auch das Unsortierte, auch die Ängste. Und danach lösche ich es wieder. Es muss nichts bleiben. Es muss nichts dokumentiert werden.


Es geht nur darum, dass es einmal gesagt wurde.



Sprechen, auch wenn niemand da ist


Nicht jeder hat Menschen, die zuhören können.

Oder Menschen, die verstehen.


Manche nutzen deshalb digitale Gesprächspartner oder KI-basierte Systeme, um Gedanken auszusprechen und eine ruhige Rückmeldung zu bekommen. Nicht als Ersatz für Beziehungen. Nicht als Therapie.


Sondern als Möglichkeit, Gedanken nicht im eigenen System festzuhalten.


Der regulierende Effekt entsteht schon durch das Aussprechen. Eine Antwort kann helfen, aber sie ist nicht der Kern.



Ängste aussprechen und besser schlafen


Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schlaf oft nicht deshalb schwerfällt, weil Gedanken da sind, sondern weil sie nicht gesagt wurden.


In manchen Kulturen ist es selbstverständlich, Ängste vor dem Schlafengehen auszusprechen. Besonders bei Kindern. Nicht, um sie zu bewerten, sondern um sie aus dem Inneren zu holen.


Auch moderne Forschung zeigt, dass Benennung Sicherheit schaffen kann. Nicht verdrängen. Nicht wegdenken. Sondern aussprechen.


Wenn alles gesagt ist, wird es oft stiller innen. Und Schlaf wird möglich.



Selbstgespräche sind keine Therapie, aber eine echte Ressource


Selbstgespräche ersetzen keine Therapie und keine medizinische Begleitung.

Aber sie sind eine einfache, jederzeit verfügbare Form der Stressreduktion.


Gerade für neurodivergente Menschen können sie ein stabilisierender Anker sein. Ohne Technik. Ohne Ziel. Ohne Anspruch.


Nur Stimme. Atem. Präsenz.

Fazit


Selbstgespräche reduzieren Stress bei Neurodivergenz, weil sie Gedanken aus dem inneren Druckraum holen. Sie wirken über das Nervensystem, über den Körper, über die Stimme.


Sie sind nichts Besonderes.

Und genau deshalb so wirksam.



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