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Warum neurodivergente Gehirne sich selbst beobachten – und was das mit Heilung zu tun hat

  • Autorenbild: Vanessa "Janna" Spies
    Vanessa "Janna" Spies
  • 26. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Metakognition, Neurodivergenz und warum alte Erfahrungen sich nicht löschen lassen


Nachdenkliche Frau sitzt auf dem Boden und blickt zur Seite, umgeben von symbolischen Darstellungen eines leuchtenden Gehirns, Puzzle-Teilen, Gedankenwolken und einem offenen Buch – visuelle Darstellung von Metakognition, Neurodivergenz und Gedächtnisrekonsolidierung.

Warum manche Gehirne nicht einfach „abschalten“



Viele Menschen mit ADHS, Autismus, Hochbegabung oder einer anderen Form von Neurodivergenz kennen dieses Gefühl:

Der Kopf läuft. Nicht hektisch, sondern beobachtend.

Gedanken werden nicht nur gedacht – sie werden bemerkt.

Gefühle werden nicht nur gefühlt – sie werden eingeordnet.


Und irgendwann taucht diese Frage auf:

Warum bin ich mir meiner selbst eigentlich ständig so bewusst?


Während andere Dinge scheinbar einfach „vergessen“, „abhaken“ oder „hinter sich lassen“, bleibt bei dir etwas aktiv. Alte Situationen melden sich wieder. Erinnerungen verändern ihre Form, aber verschwinden nicht. Und oft hast du das Gefühl:


Ich kann das nicht löschen. Aber ich kann es auch nicht einfach ignorieren.


Das ist kein persönliches Scheitern.

Und es ist auch kein Zufall.





Metakognition – oder: Wenn dein Gehirn sich selbst beim Denken zuschaut



In der Psychologie gibt es dafür einen Begriff: Metakognition.

Ganz simpel gesagt bedeutet das: Denken über das eigene Denken.


Menschen mit starker Metakognition nehmen nicht nur wahr, was sie denken, sondern auch:


  • wie Gedanken entstehen

  • wie sich Gefühle an Gedanken koppeln

  • wie alte Erfahrungen aktuelle Reaktionen färben



Das fühlt sich oft an wie ein innerer Beobachter, der ständig mit im Raum sitzt.


Wichtig ist dabei:

Metakognition heißt nicht, dass jemand „zu viel denkt“.

Es heißt, dass das Gehirn Zusammenhänge erkennt, während sie passieren.





Warum Metakognition bei Neurodivergenz so häufig ist



Viele neurodivergente Menschen haben früh gemerkt:

Die Welt funktioniert nicht so, wie sie mir erklärt wird.


Regeln sind oft implizit. Erwartungen unausgesprochen. Reaktionen anderer nicht logisch vorhersehbar. Das Gehirn reagiert darauf nicht mit Abschalten – sondern mit Analyse.


Nicht aus Neugier.

Sondern aus Anpassung.


Wer häufiger aneckt, missverstanden wird oder sich erklären muss, entwickelt oft eine feine Selbstbeobachtung.

Nicht, weil etwas „falsch“ ist – sondern weil Orientierung gebraucht wird.


So entsteht Metakognition oft nicht als Luxus, sondern als Überlebensstrategie.





Und was ist mit Hochbegabung?



Bei hochbegabten Menschen kommt noch etwas anderes dazu.

Hier zeigt die Forschung recht deutlich: Viele bringen von Natur aus ein starkes metakognitives Wissen mit. Sie verstehen früh, wie Denken funktioniert. Muster, Strategien und Abstraktionen fallen leichter.


Das heißt aber nicht automatisch, dass alles trainiert oder perfekt integriert ist.

Auch Hochbegabte können sich in ihren Gedanken verlieren oder sich selbst überfordern. Der Unterschied liegt oft darin, dass diese Selbstbeobachtung nicht erst erlernt, sondern früh angelegt ist.


Kurz gesagt:


  • Bei Hochbegabung ist Metakognition oft mitgegeben

  • Bei Neurodivergenz oft früh trainiert

  • In der Praxis überschneidet sich beides sehr häufig






Warum Erinnerungen sich nicht löschen lassen



Jetzt kommen wir zu dem Punkt, den viele intuitiv längst spüren – und den die Neurowissenschaft inzwischen ernst nimmt.


Erinnerungen sind keine Dateien, die man einfach löscht.

Sie sind Netzwerke.


Wenn du dich an etwas erinnerst, wird diese Erinnerung nicht einfach abgespielt wie ein Film. Sie wird neu aktiviert. Und genau in diesem Moment passiert etwas Entscheidendes:

Das Gehirn öffnet die Möglichkeit, diese Erinnerung neu zu speichern.


Dieser Prozess heißt Gedächtnisrekonsolidierung.


Das bedeutet:


  • Alte Erfahrungen bleiben bestehen

  • aber ihre emotionale Bedeutung kann sich verändern

  • neue Verknüpfungen können entstehen



Nicht durch Wegdrücken.

Sondern durch Neuerleben.





Warum „Überschreiben“ keine schlechte Metapher ist



Viele spirituelle Konzepte sprechen davon, alte Erfahrungen zu „überschreiben“.

Wissenschaftlich würde man vorsichtiger formulieren – aber die Richtung stimmt.


Was tatsächlich passiert, ähnelt eher einer Defragmentierung:


  • Alte Daten bleiben erhalten

  • aber sie werden neu sortiert

  • neu verknüpft

  • neu gewichtet



Eine Erinnerung, die früher mit Angst gekoppelt war, kann später mit Sicherheit verknüpft sein.

Das Ereignis ist dasselbe.

Das Nervensystem reagiert anders.


Und genau hier treffen sich Wissenschaft und das, was viele intuitiv fühlen.





Warum Metakognition dabei hilft – aber nicht alles löst



Metakognition hilft dir, zu erkennen:


  • Das ist alt.

  • Das gehört nicht ins Jetzt.

  • Mein Körper reagiert auf eine frühere Erfahrung.



Aber:

Verstehen allein reicht oft nicht.


Gerade neurodivergente Menschen verstehen sehr viel – und leiden trotzdem.

Weil manche Spuren nicht im Denken sitzen, sondern im Nervensystem.


Dann braucht es nicht mehr Analyse, sondern neue Erfahrung.

Erfahrung von Sicherheit. Von Wahlfreiheit. Von Selbstwirksamkeit.





Vielleicht bist du nicht „zu viel“. Vielleicht bist du einfach sehr bewusst.



Wenn du dich in diesem Text wiederfindest, dann nicht, weil du kaputt bist.

Sondern weil dein Gehirn gelernt hat, tiefer zu schauen.


Metakognition ist keine Schwäche.

Aber sie braucht Balance.


Nicht alles muss beobachtet werden.

Manches darf einfach sein.


Und manchmal beginnt Heilung nicht dort, wo wir noch mehr verstehen –

sondern dort, wo wir dem, was wir längst verstanden haben, eine neue Erfahrung erlauben.

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