Wenn dein Gehirn schneller ist als dein Alltag
- Vanessa "Janna" Spies

- 19. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. März
Warum wir mit ADHS Dinge im selben Atemzug vergessen und was wirklich dahintersteckt

Vielleicht kennst du das.
Du stehst in der Küche.
Denkst: Ich hole kurz das Gewürz aus dem Schrank.
Zwei Sekunden später stehst du im Flur und weißt nicht mehr, warum.
Oder noch subtiler:
Du hast einen wichtigen Gedanken.
Einen klaren Impuls.
Eine Sache, die du unbedingt festhalten willst.
Und noch während du denkst „Das merke ich mir kurz“, ist er weg.
Dann kommt dieses Gefühl:
Scham.
Frust.
Dieses leise: Was stimmt nicht mit mir?
Hier kommt die Wahrheit:
Mit dir stimmt alles. Dein Gehirn funktioniert nur anders.
Und ja, oft auch: schneller. Wenn du dein Gehirn noch besser verstehen willst, habe ich hier einen kurzen Guide für dich zum Download:
Was passiert da eigentlich im Gehirn?
Bei ADHS geht es nicht um „zu wenig Aufmerksamkeit“. Es geht um Aufmerksamkeitssteuerung.
Betroffen sind vor allem drei Bereiche:
das Arbeitsgedächtnis
die exekutiven Funktionen
die Dopaminregulation
Diese drei erklären ziemlich gut, warum ein Gedanke manchmal genau dann verschwindet, wenn man ihn eigentlich gerade festhalten wollte.
1) Arbeitsgedächtnis: der mentale Notizzettel
Das Arbeitsgedächtnis ist wie ein kleiner Zwischenspeicher im Kopf. Es hält Informationen für wenige Sekunden, damit du sie weiterverarbeiten kannst. Bei vielen Menschen mit ADHS ist dieser Zwischenspeicher instabil.
Das bedeutet:
Der Gedanke ist da. Aber er wird nicht ausreichend „gehalten“. Er rutscht durch, bevor er sich festsetzen kann.
Nicht, weil er unwichtig wäre, sondern weil der Zwischenspeicher nicht zuverlässig stabilisiert.
Neurobiologisch spielt hier unter anderem der präfrontale Cortex eine Rolle, der stark mit Arbeitsgedächtnis, Planung und Handlungssteuerung verbunden ist. Wenn diese Aktivierung schwankt, fühlt sich der Alltag an, als würde man Gedankenschnipsel permanent verlieren.
2) Exekutive Funktionen: der Handlungsschalter
Exekutive Funktionen sind die inneren „Manager-Prozesse“ im Gehirn. Sie helfen dir dabei,
Schritte zu planen
Reihenfolgen einzuhalten
dran zu bleiben
eine Handlung zu Ende zu führen
Bei ADHS sind diese Prozesse oft nicht konstant verfügbar.
Das erklärt dieses typische Gefühl:
Ich mache etwas und vergesse im selben Atemzug den nächsten Schritt.
Denn: Während du noch dabei bist, eine Sache zu tun, springt das System schon zur nächsten Spur. Ein neuer Reiz, ein neuer Gedanke, ein inneres Bild, ein Gefühl, eine Erinnerung.
Und der ursprüngliche Handlungsschritt verliert Priorität.
Nicht aus Desinteresse, sondern weil dein Gehirn sehr schnell umschaltet.
3) Dopamin: der Bedeutungsmarker
Dopamin ist kein reines „Glückshormon“.
Es ist eher ein Relevanz-Signal.
Es entscheidet mit:
Was ist jetzt wichtig?
Worauf lohnt es sich, Energie zu geben?
Was bleibt im Fokus?
Bei ADHS ist die Dopaminregulation oft anders organisiert. Das kann dazu führen, dass alltägliche Kleinschritte weniger „Signalstärke“ bekommen.
Und dann passiert etwas ganz Typisches:
Etwas im Kopf sagt: nicht spannend genug
oder: nicht dringend genug
oder einfach: nächster Reiz
Und zack: Der Gedanke ist weg.
Warum sich das so beschämend anfühlt
Weil unsere Welt ein lineares Funktionsmodell erwartet:
Gedanke
Plan
Umsetzung
Ergebnis
Wenn dein System aber eher so arbeitet:
Gedanke
Impuls
Reiz
Gefühl
neuer Gedanke
Erinnerung
noch ein Impuls
…
Dann wirkt das von außen chaotisch.
Und von innen oft wie ein ständiges „Warum kann ich das nicht einfach“.
Viele neurodivergente Menschen entwickeln deshalb früh eine harte Geschichte über sich:
Ich bin unzuverlässig.
Ich bin zerstreut.
Ich bin nicht organisiert genug.
In Wahrheit ist da oft etwas anderes:
Ein schnelles, vernetztes, sehr sensibles System.
Nur mit anderen Anforderungen an Struktur.
Was wirklich hilft: alltagstaugliche Brücken
Hier geht es nicht um „Disziplin“.
Sondern um Tools, die dein Gehirn entlasten.
Der Kern ist simpel:
Wenn Gedanken schnell kommen und schnell gehen, brauchen sie sofort einen sicheren Ablageort.
1) Sprachmemos: sofort, bevor der Gedanke verschwindet
Eine der effektivsten Strategien ist, sich selbst Sprachnachrichten zu schicken oder eine Memo aufzunehmen.
Warum das so gut funktioniert:
Du nutzt mehrere Kanäle gleichzeitig:
Sprache
Hören
Motorik (Handy aufnehmen, drücken, sprechen)
Je mehr Kanäle beteiligt sind, desto höher die Chance, dass der Gedanke nicht verloren geht.
Wichtig ist nur eins:
Nicht später.
Nicht „gleich“.
Sofort in dem Moment, in dem der Gedanke auftaucht.
2) Reindiktieren statt aufschreiben: ChatGPT, Notiz-App, Voice-to-Text
Viele scheitern nicht am Erinnern, sondern an der Hürde dazwischen.
Zettel suchen.
Stift suchen.
Aufschreiben.
Den Zettel wiederfinden.
Bei ADHS kann genau diese Kette den Gedanken schon zerstören.
Darum ist Reindiktieren so hilfreich:
Du brauchst nur dein Handy und ein Feld, in das alles rein darf.
Zum Beispiel:
Notizen-App
Messenger an dich selbst
ChatGPT (hier kannst du sogar später aus Rohgedanken klare Formulierungen machen lassen)
Spracherkennung wie zb Amazon Alexa 👉🏽 Ich persönlich nutze diesen Echo Dot (Affiliate Link)
Das ist kein „Trick“.
Das ist ein externes Arbeitsgedächtnis.
Und das ist oft genau das, was das System braucht.
3) Sichtbar platzierte Notiz-Orte: so kurz wie möglich, so nah wie möglich
Wenn ein Gedanke auftaucht, ist jede zusätzliche Hürde ein Risiko.
Darum funktionieren feste, sichtbare Orte so gut.
Ein dauerhaft griffbereiter Stift am Kühlschrank (oder an einem anderen zentralen Ort) reduziert Handlungshürden erheblich – und genau das ist bei ADHS entscheidend.
Es geht nicht darum, „besser zu werden“.
Es geht darum, die Umsetzung so leicht zu machen, dass sie überhaupt eine Chance hat.
Ein Beispiel aus dem Alltag:
Beim Kochen merkt man plötzlich: Ich muss noch etwas einkaufen.
Wenn die Einkaufsliste genau dort hängt, wo man sie sieht, und der Stift sofort griffbereit ist, wird der Gedanke in Sekunden gesichert. Ohne Zwischenschritte. Ohne Umwege. Ohne Verlust.
4) Ein einziger Sammelplatz für alles
Viele verlieren Gedanken nicht, weil sie keine Ideen haben, sondern weil sie zu viele Orte haben, an denen etwas landen könnte.
Ein Zettel hier.
Eine Notiz da.
Eine Sprachnachricht irgendwo.
Ein Screenshot.
Ein Gedanke im Kopf.
Wenn möglich, hilft ein Prinzip:
Ein Ort für alles.
Ein Master-Notiz-Dokument.
Eine bestimmte App.
Ein bestimmter Chat.
Ein einziges System, das immer gleich bleibt.
Das reduziert Suchstress.
Und spart enorm viel Energie.
Ein Perspektivwechsel, der entlastet
Was wäre, wenn dieses schnelle Vergessen nicht bedeutet, dass du unfähig bist?
Sondern dass dein Gehirn extrem dynamisch arbeitet?
Viele Menschen mit ADHS haben blitzschnelle Gedankenketten, starke Intuition, hohe Mustererkennung. Ideen kommen oft in Sekunden.
Aber:
Ideen brauchen Fangnetze.
Nicht, weil du „schlecht“ bist, sondern weil Geschwindigkeit Struktur braucht.
Das Wichtigste zum Mitnehmen
Wenn du Dinge im selben Atemzug vergisst, dann ist das nicht peinlich.
Es ist ein bekanntes Muster von Arbeitsgedächtnis, Reizverarbeitung und Handlungssteuerung.
Und du kannst dir Brücken bauen, die wirklich funktionieren:
sofort aufnehmen statt später merken
Reindiktieren statt umständlich aufschreiben
sichtbare Notizorte statt mentale Speicherung
ein Sammelplatz statt zehn halbe Systeme
Vielleicht nimmst du dir heute nur eine Sache daraus.
Nicht als neues Projekt.
Nur als Erleichterung.
Denn du vergisst nicht, weil du „nicht kannst“.
Du vergisst, weil dein Gehirn schnell ist.
Und schnelle Gehirne verdienen Systeme, die mithalten. Und wenn du jetzt richtig Lust bekommen hast, deinem Chaos ein System zu geben ... nach deinen Regeln und deinem Nervensystem ... dann habe ich das Richtige für dich:








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