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Wenn dein Autismus Sauberkeit braucht, aber dein ADHS dich blockiert

  • Autorenbild: Vanessa "Janna" Spies
    Vanessa "Janna" Spies
  • 21. März
  • 5 Min. Lesezeit
Moderne Reinigungsgadgets wie Saugroboter, UV-Zahnbürstenreiniger und Handstaubsauger auf einem Tisch, symbolisieren alltagserleichternde Tools für neurodivergente Menschen mit Autismus und ADHS, die Sauberkeit und Struktur unterstützen.


Ich habe lange gedacht, ich bin einfach widersprüchlich. Ein Teil von mir braucht extreme Sauberkeit. Nicht im Sinne von „ich mag es ordentlich“, sondern wirklich auf einer körperlichen Ebene. Krümel auf der Arbeitsfläche, ein unaufgeräumter Raum oder visuelles Chaos lösen in mir sofort Stress aus.


Gleichzeitig gibt es diesen anderen Teil, der es nicht schafft, aufzuräumen. Der Dinge liegen lässt, der keine Energie hat, der vor simplen Aufgaben wie „kurz sauber machen“ innerlich blockiert. Und genau dieser Konflikt ist kein persönliches Scheitern. Er ist erklärbar. Wissenschaftlich. Und wenn du diesen Artikel gefunden hast, dann musst du das jetzt hören.


Autismus bringt häufig ein starkes Bedürfnis nach Ordnung, Wiederholung und Vorhersehbarkeit mit sich. In der Diagnostik wird das als „restricted and repetitive behaviors“ beschrieben – also eingeschränkte, sich wiederholende Verhaltensmuster. Dazu gehört auch eine ausgeprägte Präferenz für Routinen und Struktur.


Das ist kein „Tick“, sondern eine Form der Selbstregulation.

Das Gehirn versucht, eine Welt, die oft zu laut, zu unvorhersehbar und zu intensiv ist, kontrollierbarer zu machen.


Studien zeigen, dass diese repetitiven Muster eng mit sensorischen Besonderheiten zusammenhängen. Menschen im Autismus-Spektrum reagieren oft stärker auf Reize oder nehmen sie anders wahr.


Und genau hier kommt Sauberkeit ins Spiel.


Sauberkeit bedeutet für viele autistische Menschen nicht nur „ästhetisch schön“, sondern weniger Reize. Weniger visuelle Unordnung.

Weniger sensorische Störquellen.

Mehr Kontrolle.

Mehr Ruhe im Nervensystem.


Gleichzeitig ist bekannt, dass Veränderungen oder Unordnung Stress auslösen können, weil sie die Vorhersehbarkeit reduzieren.


Das bedeutet: Dein Bedürfnis nach Sauberkeit ist kein Perfektionismusproblem. Es ist ein Regulationsmechanismus.

ADHS und das Dopamin


Und dann kommt ADHS dazu.

Das ADHS-Gehirn funktioniert grundlegend anders, vor allem im Bereich Motivation und Handlung. Es ist stark dopaminabhängig. Dinge, die monoton, wiederholend oder reizarm sind, werden vom Gehirn schlechter aktiviert. Genau deshalb fühlen sich Aufgaben wie Putzen oft nicht nur „unangenehm“, sondern fast körperlich blockierend an.


Zusätzlich spielt die sogenannte exekutive Dysfunktion eine große Rolle. Das betrifft Fähigkeiten wie Planung, Aufgabenbeginn, Strukturierung und Durchhalten. Viele neurodivergente Menschen kennen das Gefühl: Man weiß genau, was zu tun wäre, aber man kommt nicht ins Handeln.


Jetzt passiert etwas Entscheidendes:Autismus sagt „Ich brauche Ordnung, sonst bin ich überfordert.“ADHS sagt „Ich kann diese Aufgabe nicht starten oder durchziehen.“

Beides gleichzeitig.

Und genau deshalb fühlt sich das so extrem an. Weil es kein „ich will nicht“ ist, sondern ein „zwei Systeme ziehen in entgegengesetzte Richtungen“.



Und dann gibt es die Kombination: AuDHS


Wenn beides zusammenkommt (AuDHS), verstärken sich diese Effekte oft sogar. Studien zeigen, dass exekutive Funktionen bei der Kombination von Autismus und ADHS zusätzlich beeinträchtigt sein können.

Das bedeutet ganz konkret:Du spürst stärker, dass dich Unordnung stresst und gleichzeitig hast du mehr Schwierigkeiten, etwas dagegen zu tun


Das ist der Kern dieses inneren Konflikts.


Der entscheidende Shift für mich war, aufzuhören, mich zu fragen, warum ich es nicht „einfach mache“. Und stattdessen zu verstehen:

Mein System braucht Unterstützung, nicht Druck.

Ich habe aufgehört, Sauberkeit als Aufgabe zu sehen. Und angefangen, sie als Umgebungssystem zu bauen. Das bedeutet: Alles, was ich nutze, ist darauf ausgelegt, Reibung zu reduzieren. Denn je weniger Energie etwas kostet, desto eher macht mein ADHS mit.


Zum Beispiel Dinge, die Arbeit abnehmen. Ein Saugroboter, der einfach läuft, ohne dass ich aktiv werden muss. Ein kleiner Handstaubsauger, den ich in Sekunden benutzen kann, ohne erst etwas aufbauen zu müssen. Ein einfaches Wischsystem, das nicht kompliziert ist. Das klingt banal, aber genau das ist der Punkt. Mein Gehirn braucht niedrige Einstiegshürden.


Dann sichtbare Systeme statt versteckter Ordnung. Offene Regale, Körbe, klare Strukturen. Nicht, weil es „schön aussieht“, sondern weil mein Gehirn nur mit Dingen arbeitet, die es sieht. Unsichtbare Ordnung funktioniert für mich nicht, weil sie nicht existiert, solange sie nicht im Blickfeld ist.


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Und der größte Unterschied: Ich putze nicht mehr „die Wohnung“. Ich mache einzelne Mikro-Handlungen. Eine Fläche. Eine Ecke. Zwei Minuten. Das klingt klein, aber genau das umgeht die Blockade. Denn exekutive Dysfunktion reagiert besonders stark auf große, unklare Aufgaben.


Und dann: Die Gadgets, die "niemand" braucht


Ein Teil meiner Lösung klingt erstmal… unnötig.

So Dinge, bei denen viele sagen würden: „Das braucht doch kein Mensch.“

Und genau das ist mein Trick. Ich nutze bewusst Gadgets, die nicht nur funktional sind, sondern sich neu, interessant oder sogar ein bisschen spielerisch anfühlen.


Zum Beispiel:

  • ein UV-Reiniger für Zahnbürsten

  • Schuhfolie, die man überzieht

  • kleine elektrische Tools für Reinigung

  • alles, was irgendwie „anders“ ist als klassisches Putzen


Ebenso wie Haushaltsgeräte, die man sicherlich nicht haben muss ... für mich aber unverzichtbar sind wie mein Milbensauger.



Rein logisch betrachtet könnte ich vieles davon auch ohne machen. Aber mein ADHS funktioniert nicht logisch. Es funktioniert über Reiz, Interesse und Dopamin.


Und genau da setzen diese Dinge an. Ein UV-Reiniger ist nicht nur „Hygiene“. Er ist ein kleines Erlebnis. Eine Handbewegung und er schließt sich wie Magie. Ein Prozess. Etwas, das mein Gehirn spannend findet.


Schuhfolie ist nicht nur praktisch. Es ist eine Handlung, die sich anders anfühlt als „einfach sauber machen“.

Und plötzlich passiert etwas, das vorher nicht ging:


👉 Ich mache es freiwillig.

👉 Ich mache es öfter.

👉 Ich bleibe eher dran.


Das ist der Punkt, den viele unterschätzen: Du musst dein Verhalten nicht „optimieren“. Du darfst es attraktiver machen.


Gerade bei ADHS gilt: Je mehr etwas nach Pflicht aussieht, desto unwahrscheinlicher wird es. Je mehr etwas nach „kleinem Dopamin-Kick“ aussieht, desto eher passiert es.


Und in Kombination mit Autismus wird das nochmal wichtiger. Denn dein Bedürfnis nach Sauberkeit ist real – aber der Weg dahin darf sich leichter anfühlen. Das sind genau die Dinge, die ich auch in meiner Storefront gesammelt habe. Nicht nur „nützliche Produkte“, sondern Dinge, die dein System wirklich nutzen will.


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Was mir auch geholfen hat, ist, Reinigung emotional anders zu verknüpfen. Nicht als Pflicht, sondern als Regulation. Sauberkeit bringt mein Nervensystem runter. Das ist kein „ich muss“, sondern ein „das tut mir gut“. Und dieser Perspektivwechsel verändert, wie mein Gehirn darauf reagiert.


Nutze passende Strategien


Wenn du dich darin wiedererkennst, dann liegt das nicht daran, dass du inkonsequent bist. Sondern daran, dass du wahrscheinlich lange versucht hast, mit Strategien zu arbeiten, die nicht zu deinem System passen.


Und wenn du merkst, dass dich dieser innere Konflikt oft überfordert, dann fang nicht mit Sauberkeit an. Fang mit deinem Nervensystem an.



Vielleicht ist das Wichtigste, was du aus diesem Artikel mitnehmen kannst:


Du bist nicht widersprüchlich. Du bist komplex. Und dein System macht Sinn, wenn man es versteht.


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