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🌿 Nervenregulation ohne Technik – wenn dein Körper selbst den Weg kennt

  • Autorenbild: Vanessa "Janna" Spies
    Vanessa "Janna" Spies
  • 14. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Frau entspannt sich
Nervenregulation durch Körperweisheit

Ich habe vor ein paar Tagen wieder ein neues Buch gefunden, diesmal über Nervenregulation. Wieder ein Werk voller Methoden, Tools, Atemübungen, Routinen, Schritte, wie man „runterkommt“ „entstresst“, „reguliert“.


Und eigentlich wollte ich es lesen. Ich hatte es schon in der Hand. Aber irgendetwas in mir war eng. Also habe ich es weggelegt.


Nicht, weil es schlecht ist, sondern weil ich gemerkt habe, dass mein Nervensystem gerade keine Technik braucht, sondern mich.


Nicht mehr Input, sondern ein „Was brauchst du jetzt?“



✧ Wenn Techniken zum neuen Zwang werden


Viele Regulationstechniken sind für neurotypische Gehirne entwickelt. Sie funktionieren gut bei Menschen,


die Routine mögen,

die Wiederholung vertragen,

die Struktur beruhigt.


Aber ein AUDHS-Gehirn ist anders verdrahtet. Es spürt sofort, wenn etwas wie ein Muss wirkt. Selbst ein Tool, das eigentlich helfen soll, kann Druck erzeugen:


„Mach deine Atemübung.“

„Denk an den sicheren Ort.“

„Schwing deine Arme aus.“

„Reguliere dich jetzt.“


Psychologisch bedeutet das:

Das Nervensystem fühlt nicht die Technik, sondern den Auftrag, reguliert sein zu müssen.


Und das ist für ein neurodivergentes Gehirn pure Überlastung, weil die Meta-Botschaft lautet:


„Wie du gerade bist, ist falsch.“


Das verstärkt Stress statt ihn zu lösen.



✧ Warum dein AUDHS-Nervensystem oft anders reagiert


AUDHS bedeutet zweierlei gleichzeitig:


• Autistische Reizempfindlichkeit

= dein Nervensystem sucht Sicherheit, Vorhersehbarkeit und Klarheit


• ADHS-Neurochemie

= dein Nervensystem sucht Stimulation, Abwechslung und Freiheit


Wenn du nun eine Regulationstechnik erzwingst:


– wirkt sie für den ADHS-Anteil wie Zwang,

– und für den autistischen Anteil wie Überforderung,

wenn sie nicht intuitiv ist.


Das führt zu einem paradoxen Zustand:


Man will eigentlich runterkommen, aber der Versuch, „es richtig zu machen“, erzeugt erst recht Stress.


Deshalb fühlen sich viele Methoden an wie:


• zu viel

• zu eng

• zu bewusst

• zu gesteuert

• zu „nicht meins“


Dein Körper reguliert sich am besten, wenn du ihm keine Erwartungen aufdrückst.



✧ Der regulierende Effekt der Einfachheit


Ich habe für mich etwas erkannt:

Mein Körper sagt mir exakt, was ich brauche, wenn ich endlich aufhöre, Methoden zu übertönen.


Manchmal ist Regulation:


• eine heiße Dusche

• eine Gesichtsmassage

• eine Fußmaske

• eine Massagepistole

• ein Wärmekissen

• 10 Minuten im Dunkeln

• ein Spaziergang

• ein Tee

• kaltes Wasser über die Handgelenke

• die Schultern bewusst fallen lassen


Manchmal ist Regulation:


Gar nichts tun.

Nicht atmen „lernen“.

Nicht „zentrieren“.

Nicht „kontrollieren“.


Sondern einfach nur sein.


Und oft zeigt dir deine Hand zuerst, was du brauchst:


Wie du automatisch an verspannte Muskeln greifst.

Wie du plötzlich Wärme suchst.

Wie du irgendwo Druck ausgleichst, ohne dass du es bewusst merkst.


Das ist Regulation.

Dein Körper reguliert permanent — du musst ihm nur zuhören.



✧ Die Psychologie dahinter


Wenn du etwas tust, das sich für deinen inneren Autonomie-Impuls ZWANG anfühlt, schaltet das Nervensystem in:


„Ich muss funktionieren“-Modus.


Und dieser Modus ist kein Regenerationszustand. Es ist Überlebensmodus. Die Energie bleibt hoch. Die Systeme bleiben aktiv. Die Regulation bleibt blockiert.


Aber wenn du etwas tust, das sich natürlich, intuitiv oder sinnlich anfühlt, aktiviert dein Körper automatisch:


den ventralen Vagus

= Wohlfühlzustand

= Sicherheit

= Weichheit

= Regulation


Nicht, weil du eine Technik benutzt hast, sondern weil du dich selbst EHRST.



✧ Dein Körper ist keine Maschine. Er ist ein Wesen.


Neurodivergente Menschen regulieren sich oft am besten durch:


• Sinneserfahrungen

• Wärme, Druck, Berührung

• Bewegung

• Wasser

• kreative Prozesse

• Rituale statt Routinen

• intuitive Entscheidungen


Nicht durch starre Methoden, sondern durch sinnliche Präsenz.


Wenn du dich fragst:


„Was brauche ich jetzt wirklich?“


dann wird dein Körper antworten –

so ehrlich,

so klar,

so viel einfacher, als jede Methode es je könnte.



✧ Am Ende


Vielleicht geht es bei der Nervenregulation gar nicht darum, sich „zu beruhigen“, sondern sich zu spüren.


Vielleicht ist der Schlüssel nicht Kontrolle, sondern Wiederverbindung.


Nicht Technik, sondern Selbstzuwendung.


Nicht ein weiteres Tool, sondern ein leises:


„Körper, was brauchst du?“

Und in dieser Frage beginnt Heilung.

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