Kognitive Empathie, emotionale Empathie, emotionale Übernahme und Intuition
- Vanessa "Janna" Spies

- 11. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Warum so viele Menschen sich selbst falsch verstehen – und warum Neurodivergenz dabei eine große Rolle spielt
Viele Menschen leben mit dem Gefühl, „anders“ zu sein, ohne genau benennen zu können, warum.
Sie spüren viel. Denken schnell. Nehmen Stimmungen wahr. Sind oft erschöpft – und bekommen dafür Begriffe angeboten, die mehr verwirren als helfen.
Empathisch.
Überempathisch.
Intuitiv.
Zu sensibel.
Doch wenn all diese Worte durcheinandergeworfen werden, entsteht kein Verständnis.
Es entsteht das Gefühl, falsch zu sein.
Gerade neurodivergente Menschen – etwa mit Autismus oder ADHS – erleben diese Begriffsverwirrung besonders häufig. Nicht, weil sie weniger oder mehr fühlen, sondern weil ihr Nervensystem anders verarbeitet.
Dieser Artikel will nichts festlegen.
Er will entwirren.
Und vielleicht ein bisschen Druck nehmen.
Kognitive Empathie – verstehen, ohne fühlen zu müssen
Kognitive Empathie beschreibt die Fähigkeit, zu erkennen und zu verstehen, was in anderen Menschen vorgeht.
Nicht emotional, sondern geistig.
Sie zeigt sich dort, wo jemand:
Perspektiven einnimmt
Situationen im Kontext betrachtet
Zusammenhänge erkennt
Muster wahrnimmt – in Sprache, Verhalten, Wiederholungen, Dynamiken
Oft wird behauptet, kognitive Empathie äußere sich vor allem über das Lesen von Mimik und Gestik.
Das ist jedoch nur eine mögliche Ausdrucksform, nicht ihr Kern.
Viele neurodivergente Menschen erfassen andere nicht über Gesichter, sondern über Strukturen und Muster.
Sie hören Zwischentöne in Sprache.
Erkennen Verschiebungen im Verhalten.
Spüren, dass etwas nicht stimmig ist – lange bevor sie es benennen können.
Kognitive Empathie ist nicht kalt.
Sie ist präzise.
Kognitive Empathie heißt:
Ich verstehe dich – auch wenn ich es nicht emotional mitempfinde.
Emotionale Empathie – mitfühlen mit innerer Stabilität
Emotionale Empathie wird oft idealisiert.
Dabei ist sie keine Überflutung, sondern ein sehr regulierter Zustand.
Emotionale Empathie bedeutet:
Ich nehme dein Gefühl wahr
ich lasse es innerlich an mich heran
und ich bleibe gleichzeitig bei mir
Der entscheidende Punkt ist die Grenze.
Emotionale Empathie funktioniert nur dann gesund, wenn das Nervensystem zwischen ich und du unterscheiden kann. Wenn Mitgefühl da ist, ohne Selbstverlust.
Emotionale Empathie ist still.
Sie schreit nicht.
Sie überfordert nicht.
Sie verbindet – ohne zu verschmelzen.
Emotionale Übernahme – wenn Gefühle nicht mehr zugeordnet werden können
Was im Alltag häufig als „starke Empathie“ oder „hohe Sensibilität“ bezeichnet wird, ist oft emotionale Übernahme.
Dabei werden emotionale Zustände anderer Menschen:
sehr intensiv wahrgenommen
aber nicht klar als fremd markiert
im eigenen Nervensystem weiterverarbeitet, als wären sie eigene Gefühle
Das führt zu innerer Verwirrung:
plötzliche Stimmungswechsel
emotionale Erschöpfung
das Gefühl, sich selbst zu verlieren
die Frage: „Warum geht es mir gerade so, obwohl eigentlich nichts passiert ist?“
Wissenschaftlich betrachtet ist emotionale Übernahme keine Empathieleistung, sondern ein Filter- und Regulationsproblem des Nervensystems.
Sie tritt besonders häufig auf bei:
Autismus
ADHS
Hochsensibilität
chronischer Überforderung
traumatisch geprägten Nervensystemen
Das bedeutet nicht, dass jemand „zu empfindlich“ ist.
Es bedeutet, dass Wahrnehmung schneller oder stärker ist als Abgrenzung.
Intuition – Wahrnehmung ohne sofortige Erklärung
In diesem Zusammenhang wird oft auch Intuition genannt. Und auch sie wird häufig missverstanden.
Intuition ist kein Gefühl im klassischen Sinn.
Sie ist auch keine Emotion.
Intuition beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, Informationen unbewusst zu verarbeiten und daraus schnelle Einschätzungen abzuleiten – auf Basis von:
Erfahrung
Mustererkennung
gespeicherten Kontexten
Intuition ist damit eng verwandt mit kognitiver Empathie, nicht mit emotionaler Übernahme.
Viele neurodivergente Menschen haben eine sehr ausgeprägte intuitive Wahrnehmung, weil ihr Gehirn:
schneller verknüpft
tiefer analysiert
mehr Details gleichzeitig verarbeitet
Das Problem entsteht, wenn Intuition mit emotionaler Übernahme verwechselt wird.
Dann fühlt sich Intuition nicht mehr klar an, sondern:
überfordernd
diffus
bedrohlich
Nicht, weil Intuition falsch ist, sondern weil das Nervensystem keinen klaren Filter setzt.
Warum diese Unterscheidungen entlasten
Wenn alles als Empathie bezeichnet wird, verlieren wir Orientierung. Wenn Intuition, emotionale Übernahme und Empathie vermischt werden, verlieren Menschen das Vertrauen in sich selbst.
Viele versuchen dann:
sich abzuhärten
ihre Wahrnehmung zu unterdrücken
oder sich ständig zu korrigieren
Dabei liegt das Problem nicht im Wahrnehmen.
Sondern im fehlenden Schutz und in fehlender Einordnung.
Wer versteht, was da eigentlich passiert, muss sich nicht mehr bekämpfen.
Zusammenfassung
Kognitive Empathie = verstehen, oft über Muster & Kontext
Emotionale Empathie = mitfühlen mit klarer innerer Grenze
Emotionale Übernahme = hohe Wahrnehmung ohne Filterung
Intuition = unbewusste, schnelle Verarbeitung von Informationen
Nicht alles, was intensiv ist, ist Empathie.
Nicht alles, was plötzlich auftaucht, ist Intuition.
Und nichts davon macht jemanden falsch.
Manches braucht einfach einen anderen Namen –
und ein bisschen mehr Verständnis.












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