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Angst vor Fehlern bei Autismus und ADHS – warum sie sich wie Weltuntergang anfühlt

  • Autorenbild: Vanessa "Janna" Spies
    Vanessa "Janna" Spies
  • 9. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Illustration einer neurodivergenten Frau, die innere Anspannung und die Angst vor Fehlinterpretation bei Autismus und ADHS symbolisiert.
Angst vor Fehlern bei Autismus und ADHS ist oft eine Schutzreaktion des Nervensystems.

Die Angst vor Fehlern bei Autismus und ADHS ist oft kein rationales Problem. Viele Betroffene wissen sehr genau, dass ein Fehler objektiv harmlos ist. Und trotzdem reagiert der Körper mit Panik, innerem Druck oder dem Gefühl, als würde alles zusammenbrechen. Diese Diskrepanz zwischen Verstand und Nervensystem ist kein Widerspruch, sondern ein zentrales Merkmal neurodivergenter Verarbeitung.



Angst vor Fehlern bei Autismus und ADHS ist keine klassische Versagensangst



Was viele als Perfektionismus oder übertriebene Vorsicht missverstehen, ist in Wahrheit etwas anderes. Die Angst vor Fehlern bei Autismus und ADHS entsteht häufig nicht aus der Sorge, schlecht dazustehen oder bewertet zu werden. Es geht vielmehr um die tiefe Angst, falsch verstanden zu werden. Eine Handlung kann vollkommen harmlos gemeint sein und dennoch eine Bedeutung bekommen, die nie beabsichtigt war. Genau diese mögliche Fehlzuschreibung fühlt sich für viele autistische und ADHS-betroffene Menschen existenziell bedrohlich an.


Das Nervensystem reagiert dabei nicht auf den Fehler selbst, sondern auf das Risiko, dass die eigene Intention von außen verzerrt wird. Ein Missverständnis fühlt sich dann nicht wie ein kleiner sozialer Stolperer an, sondern wie ein Verlust von Wahrheit und Kontrolle über die eigene Realität.



Warum der Verstand ruhig bleibt und der Körper trotzdem Panik hat



Ein typisches Merkmal der Angst vor Fehlern bei Autismus und ADHS ist die Trennung zwischen kognitivem Wissen und körperlicher Reaktion. Gedanklich ist völlig klar, dass nichts Schlimmes passieren wird. Emotional und körperlich läuft jedoch ein Alarmprogramm ab. Der Grund dafür liegt in der neurologischen Verarbeitung. Soziale Bedeutung, Fehlerbewertung und Vorhersage von Reaktionen werden nicht nur rational verarbeitet, sondern direkt im Stress und Schutzsystem.


Das Nervensystem stellt nicht die Frage, ob ein Fehler logisch schlimm ist. Es fragt, ob dieser Fehler soziale Unsicherheit, falsche Einordnung oder dauerhafte Missverständnisse nach sich ziehen könnte. Besonders wenn frühere Erfahrungen gezeigt haben, dass gute Absichten oft falsch gelesen wurden, reagiert das System vorsorglich mit maximaler Wachsamkeit.



Die Angst vor Fehlern zeigt sich oft im Kleinen



Viele Beispiele wirken von außen übertrieben. Eine Formulierung wird mehrfach geprüft. Eine Geste wird vermieden. Eine scheinbar banale Entscheidung wird vertagt. Doch diese Vermeidung hat nichts mit Unsicherheit oder Anpassung zu tun. Sie entsteht aus einer hohen Sensibilität für Bedeutung. Menschen mit Autismus und ADHS nehmen sehr genau wahr, welche Botschaften zwischen den Zeilen entstehen könnten. Nicht aus Angst vor Kritik, sondern aus dem Wunsch nach Wahrhaftigkeit und Klarheit.


Die Angst vor Fehlern bei Autismus und ADHS ist deshalb oft eine Angst vor Bedeutungsverlust. Wenn etwas falsch interpretiert wird, fühlt es sich an, als würde etwas Unwahres über die eigene Person gelegt werden. Und genau das löst intensive Stressreaktionen aus.



Warum sogar notwendige Fehler Panik auslösen können



Viele wissen, dass Fehler zum Lernen gehören. Trotzdem kann schon die Vorstellung, absichtlich etwas falsch zu machen, massive innere Not auslösen. Autistische Strukturen sind stark auf innere Kohärenz und Stimmigkeit ausgerichtet. Ein Fehler bedeutet einen Bruch in dieser Ordnung. ADHS verstärkt diesen Effekt zusätzlich, weil impulsives Handeln oft schon erlebt wurde als Auslöser für Missverständnisse. Das System versucht deshalb, jede mögliche Fehlinterpretation im Voraus zu kontrollieren.


Die Angst richtet sich dabei nicht auf die Konsequenz, sondern auf den Moment, in dem die Kontrolle über Bedeutung verloren gehen könnte.



Angst vor Fehlern bei Autismus und ADHS ist eine Schutzreaktion, keine Schwäche



Wichtig ist, diese Angst nicht als Defizit zu betrachten. Sie ist die Kehrseite von Eigenschaften wie Integrität, Tiefe, Verantwortungsbewusstsein und feiner Wahrnehmung. In einer Welt, die schnell urteilt und Bedeutungen projiziert, geraten genau diese Systeme unter Daueranspannung.


Die Lösung liegt nicht darin, sich zu zwingen, lockerer zu werden oder mehr Fehler zu machen. Entlastung entsteht dort, wo das eigene Nervensystem langsam lernt, dass Fehlinterpretationen existieren dürfen, ohne die eigene Wahrheit zu zerstören. Nicht jeder falsche Blick von außen ist ein Angriff auf die eigene Realität.



Fazit



Die Angst vor Fehlern bei Autismus und ADHS ist kein Zeichen von Überempfindlichkeit oder mangelnder Belastbarkeit. Sie ist eine logische Reaktion eines hochsensiblen, präzisen Nervensystems, das Bedeutung ernst nimmt. Wer das erkennt, kann beginnen, sich selbst nicht länger zu bekämpfen, sondern zu verstehen. Und genau dort entsteht echte Entspannung.

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