Warum wir mit Autismus und ADHS so oft falsche Entscheidungen treffen und warum „raus aus der Komfortzone“ oft genau das Gegenteil bewirkt
- Vanessa "Janna" Spies

- 6. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. März

„Dann kann ich doch auch einfach eine Münze werfen.“
Dieser Satz fällt oft, wenn Menschen hören, dass Entscheidungen nicht nur rational getroffen werden sollten.
Und tatsächlich ist an diesem Gedanken mehr Wahrheit, als viele glauben. Denn wenn eine Münze in die Luft fliegt, passiert etwas sehr Interessantes: Noch bevor sie landet, wissen wir plötzlich, auf welche Seite wir hoffen.
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Für einen kurzen Moment zeigt sich ein inneres Gefühl, das vorher nicht greifbar war. Viele interpretieren dieses Gefühl als ihre wahre Entscheidung. Doch selbst das ist noch nicht die ganze Wahrheit. Denn was in diesem Moment auftaucht, ist nicht automatisch Klarheit.Es kann genauso gut Angst, Vermeidung oder ein Schutzmechanismus sein.
Und genau hier beginnen die meisten Entscheidungsprobleme.
Die größte Entscheidungsfalle bei Autismus und ADHS: Die Komfortzonen-Logik
In den letzten Jahren wurde uns eine Botschaft ständig wiederholt:
„Du musst aus deiner Komfortzone raus.“
Der Satz klingt motivierend. Er klingt nach Wachstum, Mut und persönlicher Entwicklung. Doch für viele Menschen führt genau diese Denkweise zu massiven Fehlentscheidungen. Denn plötzlich wird jede Entscheidung zu einer Art Test:
Bin ich mutig genug?
Bin ich zu bequem?
Vermeide ich etwas?
Statt sich zu fragen:
„Was ist für mich richtig?“
fragen sich Menschen plötzlich:
„Bin ich vielleicht zu sehr in meiner Komfortzone?“
Und dann passiert etwas Gefährliches. Sie entscheiden gegen ihr Gefühl, nur um sich selbst zu beweisen, dass sie mutig sind.
Wenn Logik Entscheidungen sabotiert
Viele Entscheidungen entstehen nicht aus Klarheit. Sie entstehen aus innerem Druck.
Zum Beispiel so:
„Ich sollte diese Chance nutzen.“
„Ich darf jetzt keine Angst haben.“
„Andere würden das machen.“
„Vielleicht ist das Wachstum.“
Und plötzlich wird eine Entscheidung getroffen, die sich eigentlich gar nicht stimmig anfühlt, aber logisch klingt.
Dieses Phänomen ist gut erforscht. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass unser Gehirn Entscheidungen nicht nur rational trifft. Im Gegenteil.
Der emotionale Teil unseres Gehirns ist entscheidend an jeder Entscheidung beteiligt.
Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio konnte in seinen Forschungen zeigen:
Menschen, deren emotionale Zentren im Gehirn beschädigt sind, können zwar logisch denken – aber keine Entscheidungen mehr treffen.
Emotion ist also kein Hindernis für Entscheidungen. Sie ist eine Voraussetzung.
Das Problem: Unser Nervensystem mischt sich ein
Jetzt wird es interessant. Denn selbst wenn wir versuchen, auf unser Gefühl zu hören, taucht ein weiteres Problem auf: Unser Nervensystem.
Das Nervensystem hat eine Hauptaufgabe: Es schützt uns.
Es bewertet Situationen blitzschnell nach drei Kategorien:
sicher
potenziell gefährlich
gefährlich
Dabei unterscheidet es nicht zwischen:
echten Gefahren
emotionalem Stress
alten Erfahrungen
unbekannten Situationen
Alles kann als Bedrohung interpretiert werden. Und genau das beeinflusst Entscheidungen massiv.
Ein Beispiel:
Jemand überlegt, eine neue berufliche Chance anzunehmen.
Das Unterbewusstsein erkennt:
neue Umgebung
Unsicherheit
mögliche Bewertung durch andere
Das Nervensystem reagiert mit Stress. Und plötzlich fühlt sich die Entscheidung falsch an, weil das System Sicherheit sucht.
Vermeidung fühlt sich oft wie Klarheit an
Hier entsteht eine besonders tückische Situation. Denn unser Gehirn liebt eine Strategie über alles:
Vermeidung.
Wenn eine Entscheidung Stress auslöst, entsteht sofort ein Impuls: „Lass es lieber.“
Und sobald wir diesen Weg wählen, passiert etwas Interessantes. Der Stress verschwindet. Das Nervensystem entspannt sich. Und plötzlich fühlt sich die Entscheidung richtig an. Doch das war keine echte Klarheit.
Es war nur Erleichterung durch Vermeidung.
Viele Menschen interpretieren genau diesen Moment als Intuition. Dabei ist es oft einfach nur ein Schutzreflex.
Wenn wir gegen uns selbst entscheiden
Es gibt noch eine zweite, genauso problematische Dynamik.
Manche Menschen entscheiden nicht aus Angst, sondern aus Trotz gegen ihre Angst.
Sie denken:
„Ich lasse mich doch nicht von meiner Komfortzone steuern.“
Und treffen dann bewusst die schwierigere Entscheidung. Doch auch das ist kein freier Entscheidungsprozess. Es ist nur die andere Seite derselben Medaille. Statt aus Klarheit zu handeln, reagiert man nur auf innere Spannung.
Das Ergebnis:
Man macht etwas, das sich falsch anfühlt. Oder man vermeidet etwas, das eigentlich wichtig gewesen wäre. Viele Menschen erleben genau das immer wieder. Entscheidungen werden zu inneren Kämpfen.
Das eigentliche Problem: Wir entscheiden mit einem Teil unseres Systems
Der Mensch trifft Entscheidungen nicht nur mit dem Verstand.
Unser inneres System besteht aus mehreren Ebenen:
dem bewussten Denken
dem Unterbewusstsein
dem Nervensystem
emotionalen Erfahrungen
Körperwahrnehmung
Wenn diese Ebenen nicht miteinander verbunden sind, entstehen Konflikte. Dann kann Folgendes passieren:
Der Verstand sagt ja.
Der Körper sagt nein.
Oder:
Das Gefühl sagt ja.
Das Nervensystem schlägt Alarm.
Oder:
Der Mund sagt etwas, was man eigentlich gar nicht wollte.
Viele Menschen kennen genau diesen Moment.
Eine Entscheidung fällt plötzlich und man denkt sich innerlich:
„Warum habe ich das gerade gesagt?“
Das passiert, weil unterschiedliche Teile unseres Systems gleichzeitig aktiv sind.
Warum klassische Entscheidungsstrategien oft scheitern
Die meisten Methoden versuchen, Entscheidungen über zwei Wege zu lösen: Logik oder Intuition.
Zum Beispiel:
Pro-Contra-Listen
Visualisierung
Bauchgefühl
Doch jede dieser Methoden nutzt nur einen Teil des Systems.
Logik ignoriert das Nervensystem.
Intuition kann mit Angst verwechselt werden.
Visualisierung kann Wünsche verstärken, die eigentlich nur Vermeidung sind.
Deshalb fühlen sich viele Entscheidungen trotz intensiver Überlegung unsicher an.
Die Idee hinter der Zwei-Wege-Technik
Eine echte Entscheidung entsteht erst dann, wenn mehrere Ebenen gleichzeitig beteiligt sind.
Das bedeutet:
Der Verstand versteht die Entscheidung. Das Nervensystem fühlt sich sicher genug. Das Unterbewusstsein erkennt den stimmigen Weg.
Die Zwei-Wege-Technik verbindet genau diese Ebenen.
Sie arbeitet nicht gegen das Nervensystem.
Sie arbeitet mit ihm.
Statt eine Entscheidung zu erzwingen, wird das System zuerst in einen Zustand gebracht, in dem es überhaupt klar wahrnehmen kann.
Erst dann wird die Entscheidung betrachtet. Das verändert den gesamten Prozess. Plötzlich entsteht keine Entscheidung mehr aus Druck, sondern aus innerer Kohärenz.
Warum Entscheidungen dann plötzlich leicht werden
Wenn Unterbewusstsein und Nervensystem miteinander arbeiten, passiert etwas Überraschendes. Viele Entscheidungen fühlen sich plötzlich eindeutig an.
Nicht dramatisch.
Nicht emotional überladen.
Sondern ruhig.
Die Entscheidung wirkt tragfähig.
Und sie muss nicht mehr stundenlang analysiert werden.
Genau das berichten viele Menschen, die diesen Prozess lernen: Entscheidungen, über die sie vorher tagelang nachgedacht haben, werden innerhalb weniger Minuten klar. Nicht weil sie schneller denken, sondern weil ihr gesamtes System beteiligt ist.
Der Unterschied zwischen Zufall und echter Klarheit
Eine Münze zu werfen kann tatsächlich helfen, weil sie kurz sichtbar macht, was im Inneren passiert.
Doch die Zwei-Wege-Technik geht einen Schritt weiter.
Sie sorgt dafür, dass
Verstand
Unterbewusstsein
Nervensystem
nicht gegeneinander arbeiten, sondern zusammen.
Und genau dann entstehen Entscheidungen, die sich nicht wie ein Risiko anfühlen.
Sondern wie ein Schritt, der wirklich getragen ist.
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