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🌿 Wenn du plötzlich erfĂ€hrst, dass du neurodivergent bist

  • Autorenbild: Vanessa "Janna" Spies
    Vanessa "Janna" Spies
  • 2. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Neurodivergente Frau
Neurodivergente Frau

Es beginnt oft mit einem stillen, unscheinbaren Moment. Vielleicht sitzt du nachts da, liest irgendeinen Artikel ĂŒber ADHS, Autismus oder HochsensibilitĂ€t – und plötzlich zieht sich etwas in deinem Inneren zusammen. Ein leises, zittriges Ja, das bin ich.


Und dann geschieht etwas, das viele von uns nie vergessen: Du beginnst zu weinen – nicht, weil du traurig bist, sondern weil du dich zum ersten Mal verstanden fĂŒhlst. Zum ersten Mal ergibt dieses Anderssein, dieses stĂ€ndige Überfordertsein, dieses tiefe FĂŒhlen, dieses Nichtpassen, plötzlich Sinn. Es bekommt einen Namen. Und mit diesem Namen kommt Frieden.





Die ersten Wochen danach


Am Anfang fĂŒhlt sich alles an wie ein Erwachen. Du liest, hörst, schaust – saugst alles auf, was du finden kannst. Du erkennst dich in Geschichten wieder, in SĂ€tzen, in fremden Gesichtern. Du begreifst, dass du nie „zu viel“, „zu empfindlich“, „zu chaotisch“ oder „zu schwach“ warst. Du warst einfach anders verdrahtet.

Aber dann beginnt die zweite Phase. Die, in der du begreifst, dass die Welt um dich herum gar nicht fĂŒr Menschen wie dich gemacht wurde. Dass ihre Strukturen, ihre Regeln, ihre Erwartungen auf andere Gehirne zugeschnitten sind.


Und plötzlich siehst du, wie sehr du dich dein ganzes Leben lang angepasst hast. Wie oft du dich gezwungen hast, „funktional“ zu sein,statt ehrlich zu leben.


Wenn du den Fluss verlÀsst


Man könnte sagen, Neurodivergenz ist, als wĂŒrdest du feststellen, dass du in einem riesigen, breiten Fluss geschwommen bist – dem Fluss, in dem fast alle schwimmen. Glatt, schnell, geregelt. Ein klarer Kurs.

Aber irgendwann spĂŒrst du, dass das Wasser dich mĂŒde macht. Dass der Strom dich trĂ€gt, aber auch zerrt. Dass du, um dabei zu bleiben, stĂ€ndig gegen deine eigene Natur rudern musst.


Und dann — eines Tages — siehst du sie. Diese kleine Abzweigung, kaum sichtbar, ĂŒberwuchert, wild. Ein schmaler Seitenarm, der in den Dschungel fĂŒhrt. Er ist nicht geplant, nicht kartiert, nicht sicher. Aber irgendetwas in dir weiß: Dort will ich hin.


Und du beginnst, den großen Fluss zu verlassen. Langsam. Zögerlich. Manchmal gegen Widerstand. Doch je weiter du schwimmst, desto ruhiger wird dein Herz.

Im Dschungel findest du kein glattes Wasser, keine Richtungsschilder, keine feste Bahn.Aber du findest etwas anderes: Raum. Luft. Leben.


Du beginnst, dein eigenes System zu bauen. Deine eigene Art zu denken, zu arbeiten, zu ruhen. Du merkst, dass du nicht versagst, wenn du dich dem Strom entziehst –du erschaffst etwas Neues. Einen neuen Lebensraum. Einen Ort, an dem dein Gehirn atmen darf.

Wenn Anderssein plötzlich Sinn ergibt


Neurodivergenz bedeutet nicht, dass du „kaputt“ bist. Es bedeutet, dass dein Nervensystem, dein Gehirn, deine Wahrnehmung anders arbeiten. Oft intensiver. Manchmal schneller, manchmal chaotischer, manchmal tiefer. Aber vor allem: authentischer.


Es bedeutet, dass du Dinge spĂŒrst, die andere ĂŒbersehen. Dass du Muster erkennst, wo andere nur Zufall sehen. Dass du in einer Welt lebst, die dich vielleicht nie vollstĂ€ndig versteht – aber die du verĂ€ndern kannst, einfach, weil du sie anders wahrnimmst.

Der Mut, dein eigenes Nervensystem zu ehren

Es ist ein leiser, aber heiliger Akt der Selbstachtung,wenn du beginnst, dich nicht mehr an ein System anzupassen, das dich krank macht.Wenn du beginnst, deine BedĂŒrfnisse ernst zu nehmen.Wenn du Pausen machst, ohne dich zu schĂ€men.Wenn du Strukturen schaffst, die fĂŒr dich funktionieren.Wenn du erkennst, dass dein Tempo, deine Tiefe, deine IntensitĂ€t keine SchwĂ€che sind – sondern dein Geschenk.


Am Ende


Irgendwann blickst du zurĂŒck auf den großen Fluss,auf das laute, schnelle Wasser,und du weißt: Du gehörst nicht dorthin.


Du gehörst hierher.In diesen wilden, ungezĂ€hmten Seitenarm, in dem aus Chaos Leben entsteht. In dem du nicht lĂ€nger „fehl am Platz“ bist,sondern genau richtig.


Und vielleicht, wenn du dich umsiehst,merkst du plötzlich, dass du gar nicht allein bist. Da sind andere, ĂŒberall, die denselben Weg gegangen sind. Und gemeinsam beginnt ihr,aus kleinen Seitenarmenein ganz neues Flusssystem zu erschaffen.

đŸ’« Neurodivergenz ist kein Defekt. Es ist ein anderer Rhythmus.Lern ihn zu tanzen — auf deine Weise.

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