🌑 Warum Selbstoptimierung für neurodivergente Menschen oft Selbstzerstörung bedeutet
- Vanessa "Janna" Spies

- 19. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Selbstoptimierung ist überall. In Büchern, Podcasts, Routinen, Workflows, Coaching-Programmen. Überall wird uns beigebracht, wie wir „besser“ werden können. Strukturierter. Produktiver. Fokussierter. Ein bisschen mehr wie alle anderen.
Aber wenn du neurodivergent bist, führt Selbstoptimierung nicht zur Verbesserung – sondern oft direkt in die Selbstzerstörung.
Nicht, weil wir schwach sind, sondern weil wir versuchen, ein System zu leben, das nicht für uns gebaut wurde.
✧ Die Lüge hinter der Selbstoptimierung
Die Selbstoptimierungswelt läuft nach einem einfachen Muster:
• „Mach es täglich.“
• „Halte Routinen ein.“
• „Setze klare Ziele.“
• „Bleib konstant.“
• „Erhöhe deine Disziplin.“
Und alles daran klingt logisch – für ein neurotypisches Gehirn.
Aber neurodivergente Menschen leben in Rhythmen,
nicht in Linien. Wir funktionieren in Wellen – intensiv, kreativ, tief, unregelmäßig.
Wenn Selbstoptimierung sagt:
„Bleib konstant.“
dann sagt unser Nervensystem:
„Ich kann das nicht.“
Nicht, weil wir versagen, sondern weil wir anders funktionieren.
✧ Warum Selbstoptimierung uns kaputtmacht
Selbstoptimierung arbeitet mit Druck, Wiederholung, Planbarkeit. ADHS und Autismus arbeiten mit:
• intuitiver Energie
• Sinnhaftigkeit
• spontanen Hyperfokusphasen
• Pausen, die der Körper selbst wählt
• echter Motivation statt äußerer Strukturen
Wenn du dich zwingst, „dranzubleiben“ in einer Phase, in der dein Nervensystem gerade runterfährt,
passiert Folgendes:
Du brennst aus.
Du verlierst dich.
Du verlierst deine Freude.
Du verlierst deinen natürlichen Rhythmus.
Und genau das sieht die Welt dann als „unzuverlässig“, „chaotisch“, „unfähig“. Aber in Wahrheit ist es Selbstschutz. Dein System weigert sich, gegen sich selbst zu leben.
✧ Der Selbstoptimierungs-Teufelskreis
Viele neurodivergente Menschen erleben immer wieder:
Motivation
Überfokus
Perfektionismus
Überforderung
Zusammenbruch
Scham
Neubeginn mit neuer Methode
erneut Scheitern
Dieses Muster ist kein persönliches Versagen – es ist die logische Folge davon, dass wir Methoden anwenden, für die unser Gehirn nie gedacht war.
✧ Was wir wirklich brauchen
Wir brauchen keine Fremdsysteme. Wir brauchen einfache Strukturen, die wir selbst erschaffen, die sich unserem Leben anpassen – nicht umgekehrt.
Wir brauchen:
• Rituale statt starre Routinen
• Intuition statt Dogma
• Phasen statt Pläne
• tiefe Pausen ohne Schuld
• natürliche Regulation statt künstlicher Kontrolle
• Systeme, die sich verändern dürfen
• Räume, in denen wir echt sein können
Selbstoptimierung will uns verbessern.
Selbstannahme will uns verstehen.
Und genau das ist die Heilung.
✧ Wenn du aufhörst, dich zu optimieren
Der Wendepunkt kommt, wenn du erkennst, dass du nicht „stabiler“ werden musst, um wertvoll zu sein.
Du musst nur ehrlich werden.
Mit dir.
Mit deinem Rhythmus.
Mit deinem Körper.
Mit deinem Tempo.
Wenn du dich nicht mehr zwingst, ein konstanter Mensch zu sein, beginnt etwas in dir, das viel stärker ist als Disziplin:
Authentizität.
Und in dieser Authentizität entsteht etwas, das keine Technik der Welt erschaffen könnte:
Frieden.
✧ Am Ende
Selbstoptimierung fragt:
„Wie kann ich mehr werden als ich bin?“
Neurodivergenz fragt:
„Wie kann ich endlich sein, wer ich bin?“
Und das ist keine Schwäche. Es ist Bewusstsein.












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