✦ Der Moment, in dem ich aufhöre, mich und mein AuDHS zu bekämpfen
- Vanessa "Janna" Spies

- 14. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Es passierte heute wieder. Einer dieser typischen neurodivergenten Momente.
Ich war fest überzeugt, etwas erledigt zu haben. Ganz sicher.
In meinem Kopf war es längst abgehakt.
Erledigt.
Weg.
Fertig.
Und dann sehe ich: Ich habe es nicht gemacht.
Früher wäre das der Moment gewesen, in dem alles in mir zusammenzuckt.
Diese Mischung aus:
„Wie kann ich nur…“
„Schon wieder…“
„Warum bin ich so…?“
„Ich darf nicht so sein.“
Diese alten Stimmen, die mir all die Jahre eingeredet haben, ich wäre unzuverlässig, chaotisch, ungenügend.
Die Stimmen, die aus einem simplen Vergessen
eine persönliche Katastrophe machen konnten.
Aber heute war es anders.
Ganz anders.
Ich habe es gesehen – und musste lächeln.
Nicht sarkastisch.
Nicht verzweifelt.
Nicht resigniert.
Sondern wirklich:
warm.
mild.
akzeptierend.
So ein inneres: „Ach Vanessa… ja. Das bist du.“
Und zwar ohne Wertung.
Ohne Drama.
Ohne Selbsthiebe.
Ich habe mich einfach erkannt.
✦ Der Fehler ist nicht das Vergessen
Der Fehler war das Kämpfen gegen mich selbst.
Ich habe so viele Jahre versucht, „normal“ zu funktionieren. Alles im Griff zu haben … So zu sein wie die Menschen, die nie etwas liegen lassen, nie etwas vergessen, nie durcheinander sind.
Und jedes Mal, wenn ich etwas doch vergaß, fühlte es sich an wie ein persönlicher Defekt. Wie ein Makel, den ich kaschieren musste. Wie ein Beweis dafür, dass ich „zu chaotisch“ bin.
Aber das ist nicht wahr.
Ich bin nicht chaotisch, weil ich versage.
Ich bin chaotisch,
weil mein Gehirn nicht linear denkt.
Weil es gleichzeitig zehn Dinge hält.
Weil es auf Intensität reagiert, nicht auf Struktur.
Weil es Kreativität produziert statt Wiederholung.
Weil es ein lebendiger Raum ist – kein Ordnersystem.
Und genau dieses Gehirn macht mich in anderen Bereichen so unfassbar stark.
✦ Ich bin beides.
Ich bin die Frau, die so viel vergisst, dass man manchmal nur den Kopf schütteln kann.
Und ich bin die Frau,
die hochkomplexe Dinge in Sekunden versteht.
Die Ideen in Lichtgeschwindigkeit umsetzt.
Die intuitiv erkennt, was andere übersehen.
Die in einem Tag erschafft, was andere in Wochen schaffen.
Die Tiefen sieht, wo andere nur Oberfläche sehen.
Ich bin beides.
Chaotisch und brillant.
Vergesslich und genial.
Unzuverlässig in Kleinigkeiten, unfassbar zuverlässig in den wichtigen Dingen.
Und früher habe ich nur die eine Seite gesehen:
die vermeintlich „falsche“.
Heute sehe ich endlich auch die andere:
die wertvolle.
die starke.
die außergewöhnliche.
✦ Das hier ist Selbstachtung
Nicht Perfektion.
Nicht Kontrolle.
Nicht Optimierung.
Sondern ein Moment, in dem ich mich nicht bestrafe
für das, was ich bin.
Ein Moment, in dem ich mich nicht kleiner mache für das, was in mir chaotisch ist.
Ein Moment, in dem ich zum ersten Mal in meinem Leben mein ganzes Ich annehme.
Das Ich, das Fehler macht. Und das Ich, das Wunder möglich macht.
Das Ich, das vergisst. Und das Ich, das erinnert, wer ich bin.
✦ Und wenn du das hier liest…
Vielleicht kennst du genau diese Momente.
Dieses „Schon wieder ich…“
Dieses schwere Atmen.
Dieses Schamgefühl.
Dieses „Warum kriege ich es nicht hin?“
Dann möchte ich dir etwas sagen, ganz leise und ganz klar:
Du bist nicht falsch.
Du bist vollständig.
Und dein chaotischer Teil ist nicht gegen dich.
Er gehört zu dir.
Er ist Teil deiner Art, zu leben.
Teil deiner Art, zu denken.
Teil deiner Art, wahr zu sein.
Vielleicht ist es Zeit, dir genau heute ein bisschen Frieden mit dir selbst zu schenken.
So wie ich es heute getan habe.
Kein „Ich verbessere mich jetzt.“
Kein „Ab morgen mache ich es anders.“
Kein „Ich muss normaler werden.“
Nur ein leises:
„Ja. Das bin ich.“
Und vielleicht ist das der Anfang deines ganzen, echten Lebens.












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