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Was Autismus wirklich ist – und warum so viele Erwachsene erst spät erkennen, dass sie autistisch sein könnten

  • Autorenbild: Vanessa "Janna" Spies
    Vanessa "Janna" Spies
  • 8. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit
Porträt einer jungen Frau mit kurzem Haar, die im seitlichen Sonnenlicht sitzt und nachdenklich zur Seite blickt; ruhige, introspektive Stimmung, passend zum Thema Autismus und Selbstwahrnehmung.
Ein Moment, der zeigt, wie es sich anfühlt, wenn die eigene innere Welt mehr sagt als Worte.

Wenn die meisten Menschen das Wort Autismus hören, taucht sofort ein Bild auf: Rain Man.


Ein mathematisches Genie, das keine sozialen Signale versteht. Jemand, der streng strukturiert ist, logisch, emotionslos, isoliert.


Und weil dieses Bild so tief im kollektiven Bewusstsein verankert ist, sehen Millionen autistischer Menschen sich selbst nicht.


Denn sie sind nicht Rain Man.

Sie sind nicht dieses Klischee.

Sie sind viel, viel mehr.


Autismus ist kein Starre-Zustand.

Autismus ist ein Spektrum – breit, lebendig, vielfältig wie die Art, wie Menschen fühlen, denken und Leben wahrnehmen.


Und doch gibt es Muster. Nicht um Menschen in Schubladen zu stecken, sondern damit Menschen endlich begreifen: „Oh. Das bin ja ich.“



🟣 Was Autismus wirklich ausmacht – jenseits aller Klischees


Hier sind Merkmale, die so viele autistische Menschen teilen – auch wenn jedes davon ganz individuell aussieht.



1. Die Welt ist zu laut, zu viel, zu schnell – innerlich wie äußerlich


Autistische Menschen spüren Reize nicht „ein bisschen mehr“. Sie spüren sie lebensgroß.


Ein Geräusch kann zu einem körperlichen Schmerz werden. Ein voller Raum kann wie ein Sturm wirken.

Wechsel, Unterbrechungen, neue Orte – das Nervensystem reagiert, bevor der Verstand es überhaupt erklären könnte.


2. Gefühle sind tief – oft tiefer, als man sie zeigen darf


Das alte Bild vom „emotionslosen Autisten“ ist eine der größten Fehlinformationen überhaupt.


Die Wahrheit?


Autistische Menschen fühlen oft zu tief, nicht zu wenig. Intensiv. Roh. Echt. Nur die Übersetzung nach außen – Sprache, Gestik, Reaktion – ist anders gepolt.


3. Wahrnehmung ist kontextlos, rein, direkt


Während neurotypische Menschen ständig filtern („Was ist relevant?“), nimmt ein autistisches Gehirn ALLES auf.


Details. Muster. Zwischentöne. Kleinigkeiten, die andere nicht einmal wahrnehmen.


Nicht weil man neugierig ist, sondern weil das Gehirn nicht anders kann.


4. Routinen sind kein Zwang – sie sind Überleben



Routine, Struktur, Vorhersagbarkeit sind kein Kontrollverhalten. Sie sind Sicherheit für ein Nervensystem, das ohne festen Boden im freien Fall wäre.


5. Soziale Interaktionen sind kein Mangel – sondern ein anderes Betriebssystem


Autistische Menschen können unglaublich sozial, warm und empathisch sein.

Aber:


– Smalltalk fühlt sich wie Datenmüll an.

– Unausgesprochene Regeln sind oft kryptisch.

– Die soziale Welt wirkt wie ein Spiel, bei dem alle Regeln kennen – nur man selbst nicht.


Es ist kein „Nicht-Können“.

Es ist ein „Anders-Verarbeiten“.



🟣 Und dann kommen die Frauen.


Autistische Frauen leben oft in einer Welt, in der ihr Autismus überlagert, verdrängt, maskiert wurde – jahrzehntelang.


Warum?


Weil Frauen lernen:


– brav zu sein

– leise zu sein

– sozial kompetent zu wirken

– sich anzupassen

– zu lächeln, selbst wenn alles brennt


Sie werden zu Meisterinnen der Tarnung.

Masking bis zur Erschöpfung.


Die Folge?


Sie werden nie erkannt.

Nie gesehen.

Nie verstanden.


Autismus bei Frauen sieht oft so aus:


✨ tiefes Mitfühlen (zu tief)

✨ Überanpassung

✨ Angst, etwas falsch zu machen

✨ sozial kompetent, aber sozial erschöpft

✨ Perfektionismus

✨ Rückzug nach Reizüberflutung

✨ innere Starre bei Veränderungen

✨ überwältigende Wahrnehmung

✨ Hyperfokus auf bestimmte Themen

✨ extremes Bedürfnis nach Routine

✨ aber gleichzeitig kreative, intuitive, hochkomplexe Innenwelten


Und so viele autistische Frauen hören deshalb:


„Das kann kein Autismus sein. Du bist viel zu empathisch.“

„Du wirkst gar nicht autistisch.“

„Du redest doch ganz normal.“

„Du hast Freunde. Du fühlst doch viel.“

„Du hast Kinder. Autisten mögen doch keine Nähe.“


All das ist falsch.

Und: all das tut weh.



🟣 Der vielleicht wichtigste Satz dieses Textes


Autismus ist kein Mangel.

Kein Defekt.

Kein Missverständnis der Natur.


Autismus ist eine andere Art, die Welt zu verarbeiten.

Eine tiefere.

Direktere.

Ehrlichere.

Ungefiltertere.


Eine Form von Sein, die die Welt dringend mehr verstehen muss.


Nicht als Störung, sondern als Neurotyp.

Als Mensch.

Als Art zu existieren.


Und wenn man das einmal begreift, verändert sich alles. Und vielleicht ist das der Anfang von etwas ganz Neuem.


Nicht von einer Schublade.

Nicht von einem Etikett.


Sondern von einem langsamen, ehrlichen Wiedersehen mit sich selbst.


Autismus erklärt nicht alles – aber er erklärt so vieles, was vorher wie ein Fehler wirkte.


Er schenkt Sprache für das, was man nie ausdrücken konnte.


Er nimmt Schuld aus Jahrzehnten von Missverständnissen.


Und er öffnet Türen zu einem Leben, in dem man nicht mehr gegen sein eigenes Nervensystem ankämpfen muss.


Autismus ist nicht das Ende eines Weges.

Es ist der Moment, in dem man endlich aufhört, sich zu fragen:


„Was stimmt nicht mit mir?“


Und beginnt zu erkennen:

„Das hier bin ich – und ich war nie falsch.“

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