Wenn niemand sieht, was wir tragen – ein Text für Eltern neurodivergenter Kinder
- Vanessa "Janna" Spies

- 12. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Jan.

Es gibt eine Art von Elternschaft, über die kaum jemand spricht. Eine Art von Elternschaft, die man nicht planen kann, die man nicht „wegtherapieren“ kann, und die auch nicht von gut gemeinten Ratschlägen leichter wird.
Es ist die Elternschaft neurodivergenter Kinder. Und sie findet fast immer im Verborgenen statt.
Die Außenwelt sieht ein Verhalten, aber wir sehen das Nervensystem dahinter. Die Außenwelt sieht eine Situation, aber wir leben die gesamte Dynamik davor und danach.
Die Außenwelt urteilt oft. Aber wir tragen die Verantwortung, die Liebe, die Erschöpfung und die Tiefe – jeden Tag.
Was die Außenwelt sagt – und was sie dabei nicht versteht
Ich habe im Laufe der Jahre so viele Sätze gehört, dass ich sie manchmal innerlich mitsprechen konnte:
„Ach, Kinder sind halt anstrengend.“
„Mein Kind macht das auch manchmal.“
„Du musst konsequenter sein.“
„Vielleicht bist du einfach zu empfindlich.“
„Das ist nur eine Phase.“
„Er braucht klare Grenzen, dann geht das schon.“
Und jedes Mal spürte ich dieses vertraute Brennen:
nicht Wut. Nicht Traurigkeit. Es war Scham.
Scham darüber, dass es nach außen immer so aussieht, als hätte ich etwas falsch gemacht.
Als würde ich übertreiben.
Als würde ich etwas hineininterpretieren.
Als würde ich „zu viel“ sein.
Dabei wusste ich im Inneren:
Sie sehen nur eine Oberfläche.
Sie sehen nicht die Realität.
Masking – und warum die Welt unsere Kinder nicht erkennt
Viele neurodivergente Kinder – egal ob autistisch, ADHS, PDA oder hypersensibel – maskieren. Sie passen sich an. Sie scannen. Sie verstecken sich.
Und fremde Menschen sagen dann Sätze wie:
„So ein liebes Kind habe ich selten erlebt.“
Ich erinnere mich an einen einzigen Besuch meines Sohnes bei einem anderen Kind. Nur ein Nachmittag.
Eine Mutter, die mich strahlend anlächelte und sagte:
„Er war so ruhig, so freundlich, wirklich ein Traum.“
Und es war gleichzeitig das letzte Mal, dass er überhaupt irgendwohin gehen wollte, ohne mich.
Nicht, weil er unhöflich war.
Nicht, weil er keine Freunde wollte, sondern, weil dieses Masking ihn alles gekostet hatte.
Für die anderen war es ein „angenehmes Verhalten“.
Für mich war es ein stiller Notruf seines Nervensystems. Und niemand hat das gesehen.
Was niemand sieht: die Hochleistung dahinter
Wenn unser Kind zusammenbricht, sehen andere nur den Zusammenbruch.
Sie sehen nicht:
🟣 die Überforderung, die schon Stunden vorher begonnen hat
🟣 die sensorischen Reize, die niemand bemerkt
🟣 die innere Anspannung, die sie niederkämpfen
🟣 das ständige Scannen der Umgebung
🟣 die Angst, nicht in die soziale Situation zu passen
🟣 die innere Anstrengung, „normal“ zu wirken
🟣 die Müdigkeit nach dem Masking
🟣 die Überreiztheit danach
Sie sehen nicht, wie wir als Eltern regulieren, halten, trösten, schützen, immer wieder neu ausbalancieren, beruhigen, lenken, weichen, begleiten.
Wie wir nachts wach bleiben.
Wie wir tagsüber funktionieren.
Wie wir uns selbst wieder fangen, damit wir unser Kind fangen können.
Diese Art von Elternschaft ist nicht sichtbar. Und trotzdem ist sie jeden Tag da.
Und dann ist da noch die Scham, die nicht zu uns gehört
Diese Scham, von der viele ND-Eltern nicht einmal wissen, dass sie sie tragen.
Die Scham, die entsteht, wenn man immer wieder hört:
„So schlimm ist das doch gar nicht.“
„Wieso kriegst du das nicht hin?“
„Andere Kinder sind auch wild.“
Diese Scham ist eine Fehlzuweisung. Eine gesellschaftliche Projektion. Ein Missverständnis über Neurodivergenz.
Denn ND-Eltern leisten täglich Dinge, die kaum jemand nachvollziehen kann:
✨ permanente Krisenprävention
✨ zwei Nervensysteme gleichzeitig regulieren (das eigene + das des Kindes)
✨ extreme emotionale Präsenz
✨ spontane Planänderungen
✨ Deeskalation in Sekunden
✨ Überreizung ohne Pause
✨ Wachsamkeit in einer Welt, die das eigene Kind überfordert
Wer so lebt, trägt keine Scham.
Wer so lebt, trägt Hochleistung.
Viele ND-Eltern sind selbst ND
Und das macht die Reise noch einmal komplexer.
Denn da gibt es:
🟣 die eigene Überreizung
🟣 die eigene emotionale Intensität
🟣 die eigene Erschöpfung
🟣 die eigenen Routinen
🟣 die eigene Dysregulation
Und gleichzeitig das Kind, das genau dieselben Themen in noch größerer Form durchlebt.
Das ist kein „Versagen“.
Das ist eine doppelte Realität, die kaum jemand versteht.
Wie ND-Eltern auf verletzende Sätze reagieren können – emotional stabil, souverän und rhetorisch stark
Der Moment davor: Die innere Kurzregulation
Bevor eine Antwort überhaupt möglich ist, braucht es einen winzigen inneren Schritt. Denn wenn unser Nervensystem schon am Anschlag ist, trifft uns jeder Kommentar wie ein Stich.
Daher hilft ein ganz kurzer, fast unsichtbarer Prozess:
1️⃣ Einatmen – nicht tief, nur bewusst.
(Das holt dich aus der Fremdbestimmung zurück in deinen Körper.)
2️⃣ Innerlich sagen:
„Sie sehen nur 1 %, ich sehe 100 %.“
3️⃣ Deine Aufmerksamkeit kurz zu deinem Kind holen: Das erinnert dich, warum du antwortest – nicht um zu überzeugen, sondern um zu schützen.
Erst danach kommt der äußere Teil: deine Antwort.
⭐ 5 klassische Sätze – und wie du souverän antwortest
Ich gebe dir pro Satz drei Varianten:
✨ A) Gespräch beenden – ruhig & klar
✨ B) Wissenschaftlich fundiert – respektverschaffend
✨ C) Entwaffnende Gegenfrage – rhetorisch stark
1️⃣ „Ist doch gar nicht so schlimm.“
A)
„Für dich vielleicht nicht. Für mein Kind schon – und genau das zählt.“
B)
„ND-Nervensysteme reagieren stärker. Was für manche mild ist, kann für ND-Kinder purer Stress sein.“
C)
„Woran erkennst du, dass es nicht schlimm ist? Du siehst nur die letzte Minute – nicht die letzten Tage.“
2️⃣ „Mein Kind macht das auch.“
A)
„Das Verhalten kann ähnlich wirken – aber die Ursache ist eine völlig andere.“
B)
„ND-Verhalten entsteht aus neurologischer Überlastung, nicht aus Trotz. Das ist ein entscheidender Unterschied.“
C)
„Ist dein Kind danach auch mehrere Stunden erschöpft? Genau dort trennt es sich.“
3️⃣ „Vielleicht bist du nicht konsequent genug.“
A)
„Konsequenz ersetzt keine Neurobiologie.“
B)
„Lernen funktioniert nur im regulierten Zustand. ND-Kinder sind schneller im Überlebensmodus – dort kommt Konsequenz nicht an.“
C)
„Wie soll Konsequenz wirken, wenn das Nervensystem gerade in Alarm ist?“
4️⃣ „Früher gab es sowas nicht.“
A)
„Doch. Man nannte es nur anders – oder hat es übersehen.“
B)
„Heute verstehen wir Neurobiologie besser. ND gab es schon immer, wir sehen es nur endlich.“
C)
„Was genau meinst du mit ‚gab es nicht‘? Keine Symptome – oder nur keine Diagnosen?“
5️⃣ „Der braucht einfach mehr Grenzen.“
A)
„Er braucht Sicherheit, bevor er Grenzen überhaupt wahrnehmen kann.“
B)
„Starre Grenzen triggern viele ND-Kinder zusätzlich. Was wirkt, ist Struktur nach Regulation.“
C)
„Was genau würde durch mehr Grenzen passieren, deiner Meinung nach?“
⭐ Wenn der Angriff direkt auf dich geht
„Du lässt dir zu viel gefallen.“
„Du verwöhnst dein Kind.“
„Du machst alles falsch.“
Dann braucht es eine andere Technik:
Spiegeln + Fakten + Grenze.
A)
„Du siehst ein Verhalten. Ich sehe ein Nervensystem. Deshalb treffen wir unterschiedliche Entscheidungen.“
B)
„Aktuelle Forschung zeigt: Härte verschlimmert ND-Dysregulation. Was du für Verwöhnen hältst, ist in Wahrheit Deeskalation.“
C)
„Was möchtest du mit dieser Aussage erreichen?“
Das beendet 90 % aller Angriffe sofort,
weil es die Verantwortung zurückgibt.
⭐ Wie du innerlich wieder in deine Würde kommst
Der Satz, der alles verändert:
„Ich erziehe kein neurotypisches Kind – ich begleite ein neurodivergentes Nervensystem.“
Das ist kein Mantra.
Das ist Wahrheit.
Und es erklärt, warum du nicht versagt hast, sondern täglich Übermenschliches leistest.
⭐ Du bist kein schlechtes Elternteil.
Du bist das sichere Zuhause eines Gehirns,
das in dieser Welt oft überleben muss.
Und das sieht nicht jeder. Aber ich sehe es. Und jeder ND-Elternteil, der diesen Text liest, sieht es auch.
Smartphone-optimiertes PDF.
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