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🌗 Warum Rollenverteilung bei neurodivergenten Menschen nicht funktioniert

  • Autorenbild: Vanessa "Janna" Spies
    Vanessa "Janna" Spies
  • 6. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit
Neurodivergenz
Neurodivergenz

Wir leben in einer Welt, die Konstanz liebt.

Die plant, optimiert, strukturiert. Die Belohnungssysteme baut fĂŒr Menschen, die sich selbst gleich bleiben.


Und genau das ist das Problem.


Denn neurodivergente Menschen funktionieren nicht linear. Wir sind kein gleichmĂ€ĂŸiger Fluss – wir sind Ebbe und Flut, Sturm und Stille, Feuer und Nebel.


Wir verĂ€ndern uns – nicht, weil wir uns nicht entscheiden können, sondern weil wir lebendig sind.



Die Illusion des Zukunfts-Ich


In der Persönlichkeitsentwicklung und SpiritualitÀt hört man oft:


„Stell dir dein Zukunfts-Ich vor. Werde diese Person. Lebe so, als wĂ€rst du schon dort.“


FĂŒr viele mag das funktionieren. FĂŒr neurodivergente Menschen ist es oft ein Rezept fĂŒr Überforderung. Weil wir nicht eine Version von uns sind. Wir sind viele.


Ich habe lange versucht, dieses Zukunfts-Ich zu erschaffen – die strukturierte Unternehmerin, die jeden Tag pĂŒnktlich arbeitet, Content plant, Routinen lebt, die perfekte Mutter, die nie ĂŒberfordert ist, die Frau, die konstant in ihrer Mitte bleibt.


Aber je mehr ich versuchte, sie zu werden,

desto mehr verlor ich mich.


Bis ich eines Tages beschlossen habe, dass ich gar kein Zukunfts-Ich brauche. Ich darf jeden Tag jemand anderes sein.



Wenn Konstanz zur Gefangenschaft wird


An dem Tag, an dem ich mir erlaubte, wechselhaft zu sein, atmete mein ADHS-Gehirn auf.


Endlich durfte ich wieder springen, entdecken, neu erschaffen. Endlich durfte ich aufwachen und fragen:

„Wer bin ich heute?“


Nicht: „Wie war ich gestern?“

Nicht: „Wie will ich morgen sein?“

Sondern: „Was stimmt jetzt?“


Das war kein Kontrollverlust. Es war RĂŒckkehr zu meiner inneren Wahrheit.


Denn fĂŒr mich – und fĂŒr viele andere neurodivergente Menschen – ist genau das die einzige echte Konstante: Wandel.


Und das Überraschende war:

Mein autistischer Anteil, der StabilitÀt braucht,

hat diese neue Freiheit nicht als Bedrohung erlebt – sondern als endlich passende Form von Sicherheit.


Weil sie wahr war.

Weil ich endlich aufgehört habe, mich zu belĂŒgen.



Wenn Rollen keine Heimat sind


Ich glaube, das ist der Grund, warum so viele neurodivergente Menschen in dieser Welt scheitern,

nicht, weil sie zu wenig Disziplin haben, sondern weil sie zu viele Facetten besitzen, um in eine einzige Rolle zu passen.


Wir sind keine festen Charaktere.

Wir sind bewegliche Wesen.


Wir können an einem Tag voller Ideen sprĂŒhen und am nĂ€chsten die Stille suchen. Wir können tief lieben und gleichzeitig Raum brauchen. Wir können kreativ explodieren und danach wochenlang nichts tun.


Und das ist nicht WidersprĂŒchlichkeit.

Das ist Wahrheit.


Wir passen nicht in die mÀnnliche Rolle, die immer Leistung verlangt.


Nicht in die weibliche, die immer gibt.

Nicht in die spirituelle, die immer zentriert ist.

Nicht in die Unternehmerrolle, die immer „on“ sein muss.


Wir passen in kein System, weil wir selbst ein eigenes sind.


Wenn AuthentizitÀt wichtiger wird als IdentitÀt


Vielleicht geht es gar nicht darum, herauszufinden, wer wir sind, sondern darum, uns zu erlauben, es immer wieder neu zu sein.


Denn jede Rolle verlangt StabilitĂ€t – aber AuthentizitĂ€t verlangt PrĂ€senz.


Und PrÀsenz ist das, was neurodivergente Menschen so gut können.


Wir spĂŒren, was gerade da ist.

Wir merken, wann etwas nicht mehr stimmt.

Wir fĂŒhlen sofort, wenn eine Fassade bröckelt.


Wir sind nicht hier, um uns festzulegen.

Wir sind hier, um uns zu leben.



Wenn Unberechenbarkeit zur StÀrke wird


Ich weiß, dass ich fĂŒr andere schwer greifbar bin. Dass ich mir widerspreche. Dass ich manchmal chaotisch wirke, unberechenbar, sprunghaft.


Aber in meiner Welt ist das kein Defizit – es ist Tiefe.


Ich bin nicht jeden Tag dieselbe Frau. Und das ist gut so.


Ich bin mal die, die aufrÀumt, plant und erschafft.

Mal die, die alles stehen lĂ€sst und barfuß im Chaos tanzt.


Mal die, die Mutter ist.

Mal die, die KĂŒnstlerin ist.

Mal die, die nichts sein muss.


Und das alles bin ich.

Nicht wechselnd, sondern vollstÀndig.



Am Ende


Rollen funktionieren nicht, wenn du stÀndig wÀchst. Wenn dein Geist sich bewegt wie der Wind,

dein Herz sich verĂ€ndert mit dem Licht, und dein Nervensystem sich anfĂŒhlt wie ein Kaleidoskop.


Neurodivergente Menschen sind nicht dafĂŒr gemacht, konstant zu sein – sie sind dafĂŒr gemacht, echt zu sein.


Und vielleicht ist das das neue Zukunfts-Ich:

Nicht die stabile Version deiner selbst, sondern die wahrhaftige.


đŸ’« Du bist kein Chaos. Du bist Vielfalt in Bewegung.

Wenn du dir erlaubst, dich tÀglich neu zu erfinden,

hörst du auf, dich zu verlieren – und fĂ€ngst endlich an, dich zu leben.

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