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🌿 Warum gut gemeinte RatschlĂ€ge neurodivergente Menschen oft verletzen – und wie du damit umgehen kannst

  • Autorenbild: Vanessa "Janna" Spies
    Vanessa "Janna" Spies
  • 10. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit
Eine neurodivergente Frau sitzt ruhig und nachdenklich an einem Tisch, umgeben von einem leichten Alltagschaos. Die Szene symbolisiert den inneren Druck gut gemeinter RatschlÀge und gleichzeitig ihre innere Klarheit und StÀrke.
Gut gemeint heißt nicht gut passend – und ich darf meinen Weg kennen.

Es gibt RatschlÀge, die freundlich gemeint sind.

Lieb. Hilfsbereit. WĂ€rmend gedacht.


Und trotzdem fĂŒhlen sie sich an wie ein falscher Griff ins Herz.


Nicht, weil wir empfindlich sind.

Nicht, weil wir undankbar sind, sondern weil die Menschen, die uns diese RatschlÀge geben, etwas nicht wissen:


Sie sprechen mit ihrer Welt – aber wir leben in einer anderen.


⭐ Warum gut gemeinte RatschlÀge uns so oft verfehlen


FĂŒr neurotypische Menschen funktionieren viele dieser Tipps ganz wunderbar:


„Mach doch mal was fĂŒr dich.“

„Gönn dir MeTime.“

„Fahr mal runter.“

„Geh doch mal raus mit Freunden.“

„Ein paar Stunden Kindergarten wĂŒrden deinem Kind guttun.“


FĂŒr sie bedeutet das:

✹ Entspannung

✹ Auftanken

✹ Leichtigkeit

✹ soziale Regeneration

✹ Abwechslung


FĂŒr neurodivergente Menschen jedoch bedeutet es oft das Gegenteil:


đŸ’„ zusĂ€tzlicher Druck

đŸ’„ eine neue Erwartung

đŸ’„ Stress, weil „MeTime“ plötzlich eine Aufgabe wird

đŸ’„ Überforderung, weil der Körper nicht loslassen kann

đŸ’„ und die Angst, es wieder „falsch“ zu machen


Viele ND-Menschen kennen diesen Moment:


Du bekommst ein paar Stunden „fĂŒr dich“ und statt Frieden entsteht innerlich ein Countdown:

Ich muss jetzt entspannen.

Ich muss es nutzen.

Ich muss jetzt runterkommen.

Ich muss jetzt Energie tanken.


Diese MeTime ist kein Raum.

Sie ist ein Auftrag.


Und unter AuftrĂ€gen entspannen ND-Gehirne nicht – sie frieren ein.


Deshalb fĂŒhlen sich gut gemeinte Tipps oft an wie kleine Zumutungen. Nicht, weil sie böse sind, sondern weil sie nicht fĂŒr unser Nervensystem gemacht wurden.



⭐ Wenn RatschlÀge zu Mikro-Urteilen werden


Zu sagen:

„Mach doch mal was fĂŒr dich“

klingt sanft.


Aber unbewusst bedeutet es oft:

„So wie du es jetzt machst, ist es nicht richtig.“

„Du machst dir das Leben schwer.“

„Du solltest anders funktionieren.“


Das ist der wahre Schmerzpunkt.


Es geht nicht um den Rat.

Es geht um den impliziten Vorwurf.


Und der trifft uns als ND-Menschen besonders, weil wir ein Leben lang gehört haben:


„Du bist zu sensibel.“

„Du bist zu laut.“

„Du bist zu chaotisch.“

„Du bist zu streng.“

„Du bist zu weich.“

„Du bist zu
“


Gut gemeinte RatschlÀge sind oft nichts anderes als verpackte Erwartungen. Erwartungen, die uns in neurotypische Formen pressen sollen, in denen wir nicht atmen können.



⭐ Und dann gibt es die RatschlĂ€ge, die direkt ĂŒber unsere Kinder gehen


„Bring ihn doch in den Kindergarten.“

„Der braucht mehr Struktur.“

„Der lernt das schon.“

„Kein Wunder, dass er so ist.“

„Du verwöhnst ihn.“


Diese SĂ€tze tun weh, weil sie nicht nur uns, sondern unser Kind beurteilen.


Und weil sie etwas ignorieren, das wir tÀglich sehen:


ND-Kinder haben besondere Nervensysteme. Sie brauchen Sicherheit, nicht Standards.


Mein Sohn war ein einziges Mal bei einem anderen Kind spielen. Er hat perfekt funktioniert, perfekt maskiert. Die Mutter sagte: „So ein liebes Kind hatten wir noch nie da.“


Was sie nicht wusste:

Es war das letzte Mal, dass er ohne mich irgendwohin ging. Sein Nervensystem hat diesen einen Nachmittag mit einem Preis bezahlt, den niemand außer mir gesehen hat. Und genau deshalb treffen diese RatschlĂ€ge so tief, weil sie unsichtbare RealitĂ€ten ignorieren.



⭐ Wie du innerlich stabil bleibst, bevor du antwortest


Hier eine kleine Regulation, die Wunder wirkt:



1ïžâƒŁ Innerlich benennen:

„Sie meinen es gut – aber sie kennen meine RealitĂ€t nicht.“



2ïžâƒŁ Dich erinnern:

„Ich trage Wissen, das sie nicht haben.“



3ïžâƒŁ Die Grenze fĂŒhlen:

„Dieser Satz geht ĂŒber mein Leben hinweg. Ich darf ihn ablehnen.“


Diese drei Schritte holen dich aus der Scham

und zurĂŒck in deine WĂŒrde.



⭐ Wie du souverÀn auf gut gemeinte RatschlÀge antworten kannst


Ich gebe dir wieder drei Varianten – klar, respektvoll, entwaffnend.



1ïžâƒŁ „Mach doch mal was fĂŒr dich.“


A) Ruhig & klar

„FĂŒr mich bedeutet Erholung etwas anderes als fĂŒr dich.“


B) Wissenschaftlich fundiert

„ND-Systeme regulieren sich anders. Die typischen ‘Auszeiten’ wirken bei mir eher stressend.“


C) Gegenfrage

„Wie stellst du dir Erholung fĂŒr jemanden vor, der sich durch Erwartungen ĂŒberlastet fĂŒhlt?“



2ïžâƒŁ „Ein Kindergarten wĂ€re gut fĂŒr ihn.“


A) Ruhig

„Das wĂ€re fĂŒr sein Nervensystem zu viel.“


B) Wissenschaftlich

„Viele ND-Kinder maskieren in Gruppen so stark, dass es zu spĂ€teren ZusammenbrĂŒchen kommt. Deshalb ist es nicht geeignet.“


C) Gegenfrage

„Woran machst du fest, dass es ihm dort gut gehen wĂŒrde?“



3ïžâƒŁ „Du musst konsequenter sein.“


A) Ruhig

„Konsequenz ersetzt keine Neurobiologie.“


B) Wissenschaftlich

„Regulation muss vor Erziehung kommen. Sonst kommt nichts an.“


C) Gegenfrage

„Wie soll Konsequenz wirken, wenn das Nervensystem im Alarmzustand ist?“



⭐ Warum du diese RatschlÀge NICHT annehmen musst


Weil Menschen, die solche Tipps geben, dich nicht kennen. Sie kennen weder dein Nervensystem

noch das deines Kindes

noch euren Alltag

noch eure KĂ€mpfe

noch eure StÀrken.


Und ein Ratschlag, der ohne Kenntnis gegeben wird,

ist keine Hilfe – es ist eine GrenzĂŒberschreitung.


Du darfst das sehen.

Du darfst das benennen.

Du darfst das ablehnen.


Vor allem aber:


Du darfst dir selbst glauben. Denn du kennst eure RealitĂ€t – sie nicht.



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