🌙 Wenn Spiritualität die Neurodivergenz verdeckt – und warum das so gefährlich sein kann
- Vanessa "Janna" Spies

- 2. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt viele Wege, sich selbst zu verstehen.Manche führen über Diagnosen, andere über Meditation. Und manchmal — ganz leise — kreuzen sich diese Wege.
Für viele neurodivergente Menschen beginnt die Suche nach sich selbst nicht in einem psychologischen Fachbuch, sondern in der spirituellen Szene. Man sucht Antworten auf das, was man fühlt:
Warum nehme ich so viel wahr?
Warum reagiere ich so stark auf Stimmungen anderer?
Warum brauche ich so viel Rückzug, obwohl ich Menschen liebe?
Warum kann ich die Energie in einem Raum spüren, noch bevor jemand etwas sagt?
Und dann heißt es plötzlich:
„Du bist hochsensibel.“
„Du bist ein Empath.“
„Du bist ein Medium.“
„Das, was du fühlst, gehört gar nicht dir.“
Und für einen Moment macht das alles Sinn. Endlich eine Erklärung. Endlich kein „Defekt“, sondern eine Gabe.
Wenn das Spirituelle zur Tarnung wird
Aber irgendwann beginnt es zu bröckeln, weil du merkst, dass du trotz allem immer noch überreizt bist. Immer noch erschöpft, verwirrt, überwältigt. Weil du merkst, dass es nicht reicht, dich einfach „energetisch abzugrenzen“.
Denn vielleicht war das, was du spürst, nie ein fremdes Feld. Vielleicht war es einfach dein eigenes Nervensystem. Ein Gehirn, das Reize anders verarbeitet. Ein Körper, der Emotionen stärker erlebt. Ein System, das feinfühlig ist — nicht, weil es spirituell auserwählt ist, sondern weil es neurodivergent ist.
Wenn Spiritualität Gaslighting betreibt
Viele neurodivergente Menschen berichten, dass sie in der spirituellen Szene subtil gaslighted wurden.
Wenn sie über Reizüberflutung sprachen, hieß es: „Du musst deine Schwingung anheben.“
Wenn sie über soziale Erschöpfung sprachen: „Du bist zu offen für Energien anderer.“
Wenn sie nicht mehr konnten:„Das ist dein Ego, das Widerstand leistet.“
So wird eine echte neurobiologische Realität schnell zu einem „spirituellen Problem“ erklärt – und damit unsichtbar gemacht.
Das ist keine böse Absicht, aber es ist gefährlich. Denn solange du glaubst, dass dein Gehirn heilen muss, um spirituell „rein“ zu sein, verpasst du den wichtigsten Punkt: Du warst nie kaputt. Du warst einfach anders gebaut.
Zwischen beiden Welten
Natürlich ist Spiritualität nicht der Feind. Sie kann ein wertvoller Anker sein – gerade für neurodivergente Menschen, die ohnehin tief fühlen, viel reflektieren, und eine starke innere Wahrnehmung besitzen.
Aber echte Spiritualität sollte bewusst machen, nicht verschleiern. Sie sollte helfen, dich selbst zu verstehen – nicht dich von dir selbst zu entfremden.
Es ist okay, an Energien zu glauben. Es ist okay, dich verbunden zu fühlen mit etwas Größerem. Aber überprüfe immer: Nehme ich hier wirklich etwas Äußeres wahr – oder bin ich schlicht überstimuliert, übermüdet, überfordert? Denn manchmal ist das, was wir „Fremdenergie“ nennen, nichts anderes als unser Nervensystem in Alarmbereitschaft.
Wenn du dich endlich erkennst
Der Moment, in dem du begreifst, dass du neurodivergent bist, verändert auch dein spirituelles Erleben. Plötzlich brauchst du keine Erklärung mehr im Außen. Du beginnst, dich selbst als das Wunder zu sehen, das du bist – nicht, weil du „höher schwingst“, sondern weil du tief fühlst.
Du hörst auf, ständig an deiner Reinheit zu arbeiten, und beginnst, einfach zu sein. Du hörst auf, jede Emotion zu deuten,und lernst, sie einfach zu halten. Das ist wahre Spiritualität. Nicht, sich von der Welt zu lösen –sondern sie endlich wirklich zu fühlen,mit all dem, was dich menschlich macht.
Am Ende
Vielleicht ist der spirituellste Akt überhaupt, dich selbst mit deinen Eigenheiten, Reizreaktionen, Denkstrukturen und Bedürfnissen zu lieben – so wie du bist.
Nicht als Seele, die etwas „lernen“ muss, sondern als Mensch, der sich endlich verstehen darf.
💫 Neurodivergenz ist kein spirituelles Symptom. Sie ist eine andere Sprache des Bewusstseins —und wer sie lernt, hört sich selbst zum ersten Mal wirklich sprechen.












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