Stand Your Ground – warum Rhetorik eine spirituelle Praxis ist
- Vanessa "Janna" Spies

- 30. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Viele Menschen denken bei Spiritualität an Stille.
An Meditation.
An Rückzug.
An innere Prozesse, die im Verborgenen stattfinden.
Und viele denken bei Rhetorik an Technik.
An Worte.
An Schlagfertigkeit.
An Strategien, um sich durchzusetzen.
Für mich gehören diese beiden Welten untrennbar zusammen. Denn Rhetorik beginnt nicht im Mund.
Sie beginnt im Inneren.
Präsenz ist keine Technik – sie ist ein Zustand
Du kannst die perfekten Worte kennen.
Du kannst Sätze auswendig lernen.
Du kannst jede rhetorische Regel beherrschen.
Und trotzdem wirst du nicht gehört, wenn du innerlich wackelst.
Menschen spüren, woher Worte kommen.
Ob sie aus Angst entstehen.
Aus Anpassung.
Aus dem Wunsch, gemocht zu werden.
Oder aus einem inneren Stand.
Präsenz ist nichts, was man spielt. Präsenz ist das, was entsteht, wenn du mit dir selbst verbunden bist.
Und genau hier wird Rhetorik spirituell.
Spiritualität heißt nicht, leise zu werden, sondern klar
Viele haben gelernt:
„Spirituell sein heißt, nett zu sein.“
„Nachgiebig zu sein.“
„Alles zu verstehen.“
„Sich zurückzunehmen.“
Aber das ist eine Verzerrung. Echte Spiritualität bedeutet nicht, dich kleiner zu machen. Sie bedeutet, dir selbst treu zu bleiben.
Wenn du in deiner Mitte bist, musst du nicht laut werden.
Du musst nicht kämpfen.
Du musst nicht erklären.
Deine Worte bekommen Gewicht, weil du stehst.
Nicht gegen andere. Sondern für dich.
Rhetorik zeigt, wie sehr du dir selbst vertraust
Die Art, wie du sprichst, verrät mehr über dein inneres Fundament als über dein Wissen.
Sprichst du, um zu gefallen?
Oder sprichst du, um wahrhaftig zu sein?
Rechtfertigst du dich?
Oder setzt du Grenzen?
Erklärst du dich ständig?
Oder erlaubst du dir, stehen zu bleiben, auch wenn jemand anderer Meinung ist?
Rhetorik ist kein Machtinstrument. Sie ist ein Spiegel deiner Selbstverbindung. Und genau deshalb ist sie eine spirituelle Praxis.
„Stand Your Ground“ ist kein Angriff – es ist Verankerung
„Stand Your Ground“ bedeutet nicht, andere zu dominieren.
Es bedeutet, nicht mehr zu verschwinden. Gerade für neurodivergente Menschen, für sensible Menschen, für Menschen mit Tiefe, Wahrnehmung und Gewissen ist Sprache oft ein Minenfeld.
Viele von uns haben gelernt:
leiser zu werden, um Konflikte zu vermeiden
sich anzupassen, um nicht anzuecken
zu schweigen, obwohl innerlich alles schreit
Nicht, weil wir nichts zu sagen hätten, sondernd weil wir gelernt haben, dass unser Sein „zu viel“ ist.
Rhetorik – echte, verkörperte Rhetorik – holt dich aus diesem inneren Rückzug zurück. Nicht, indem sie dich härter macht, sondern verwurzelter.
Worte folgen dem Stand – nicht umgekehrt
Die stärksten Menschen, denen du begegnest, sind nicht die mit den besten Argumenten.
Es sind die, die ruhig bleiben, während andere laut werden.
Die nicht reagieren müssen, weil sie innerlich nicht mehr schwanken.
Die wissen, wer sie sind – auch wenn niemand zustimmt.
Das ist keine Technik.
Das ist Bewusstsein.
Das ist innere Arbeit.
Das ist Spiritualität im Alltag.
Und ja:
Das zeigt sich am Ende in Worten.
Aber geboren wird es im Inneren.
Rhetorik als gelebte Spiritualität
Für mich ist Rhetorik keine Sammlung kluger Sätze.
Sie ist die Übersetzung von innerer Klarheit
in Sprache.
Sie ist die Brücke zwischen:
Nervensystem und Stimme
Selbstwahrnehmung und Außenwirkung
innerem Frieden und äußerer Klarheit
Wenn du lernst, in dir zu stehen, werden deine Worte ruhiger.
Deine Sätze kürzer.
Dein Auftreten klarer.
Nicht, weil du gelernt hast, „richtig“ zu sprechen, sondern weil du aufgehört hast, gegen dich selbst zu sprechen.
Am Ende
Vielleicht ist Rhetorik genau das:
Spiritualität, die sich traut, hörbar zu werden.
Nicht als Predigt.
Nicht als Rechtfertigung.
Sondern als ruhiges, klares „Hier stehe ich.“
Und genau darum geht es bei dem Statement:
Stand Your Ground.
Nicht um Durchsetzung, sondern um Verkörperung.
Nicht um Worte. sondern um Wahrheit.
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